Der Körper reagiert oft früher, als wir bewusst verstehen. Ein Engegefühl in der Brust, ein Druck im Magen, eine flache Atmung oder eine anhaltende Müdigkeit können Hinweise darauf sein, dass unser Nervensystem unter anhaltender Belastung steht.
Unser Körper ist weit mehr als ein Zusammenspiel aus Organen, Muskeln und Nervenzellen. Er ist ein lebendiges, fühlendes und reagierendes System – ein Resonanzraum für unser inneres Erleben. Gedanken, Emotionen und körperliche Prozesse stehen in einem ständigen Austausch.
Manchmal beginnt unser Körper deshalb zu sprechen. Zunächst leise, kaum wahrnehmbar. Mit anhaltendem Stress werden seine Signale jedoch deutlicher. Verspannungen des Nackenbereiches, weniger erholsamer Schlaf, Magen-Darm-Beschwerden oder tiefe Erschöpfung können erste Hinweise darauf sein, dass unser inneres Gleichgewicht aus dem Lot geraten ist. Viele Menschen betrachten solche Beschwerden zunächst als reine Störung, etwas, das möglichst schnell verschwinden soll. Die eigenen Bedürfnisse werden dabei häufig weiter übergangen.
Doch was wäre, wenn unser Körper gar nicht gegen uns arbeitet? Was wäre, wenn viele körperliche Beschwerden zunächst ein Versuch unseres Organismus sind, uns auf etwas aufmerksam zu machen? Vielleicht sprechen Emotionen manchmal genau über den Körper.
Psychosomatik ist kein Mythos – sie ist gelebte Realität
Psychosomatik oder psychosomatische Medizin ist ein Teilgebiet der Medizin, das sich mit den Wechselwirkungen zwischen seelischen, körperlichen und sozialen Prozessen beschäftigt. Der Begriff leitet sich von den griechischen Wörtern Psyche (Seele) und Soma (Körper) ab und beschreibt die enge Verbindung zwischen unserem Erleben und unserem körperlichen Wohlbefinden. Der Neurobiologe Johannes C. Rüegg beschreibt die enge Verbindung von Körper und Psyche eindrucksvoll: Psychische Belastungen können über das Gehirn, das autonome Nervensystem, Hormone und das Immunsystem körperliche Reaktionen auslösen. Gleichzeitig beeinflussen körperliche Veränderungen wiederum unser Denken, Fühlen und Verhalten. Körper und Psyche sind deshalb keine getrennten Systeme, sondern bilden eine funktionelle Einheit (Rüegg, 2014). Der Zusammenhang zwischen Psychosomatik und Emotionen zeigt sich häufig schon in den frühen Signalen unseres Körpers.
Was meine Arbeit in der Psychosomatik verändert hat
Meine mehr als achtjährige Tätigkeit in der Psychosomatik hat mich und meinen Blick auf Gesundheit nachhaltig geprägt. Dort habe ich immer wieder beobachtet, dass viele Menschen in unserer Leistungsgesellschaft schon früh lernen zu funktionieren. Die bewusste Selbstwahrnehmung gerät dabei häufig in den Hintergrund, weil sie im hektischen Alltag scheinbar keinen Platz hat. Die Wahrnehmung der eigenen inneren Zustände ist eine wichtige Voraussetzung dafür, eigene Emotionen von den Gefühlen anderer unterscheiden zu können (Decety & Lamm, 2006). Wir machen weiter, obwohl wir erschöpft sind. Oft lächeln wir, obwohl wir traurig sind. Wir sagen: „Es geht schon“, obwohl uns innerlich längst die Kraft fehlt. Dabei wurde mir in der Psychosomatik eines immer wieder deutlich: Dieses Verhalten funktioniert oft nur eine Zeit lang. Irgendwann beginnt der Körper, sich bemerkbar zu machen. Wenn einzelne Beschwerden nicht ausreichen, kann der Körper auch anders die Notbremse ziehen.
Ungesundes Statussymbol – chronischer Stress
Zunehmend kann man den Eindruck gewinnen, dass Stress zu einem Statussymbol geworden ist. Wer gestresst ist, scheint wichtig zu sein, viel zu leisten und unverzichtbar zu sein. Dabei wissen wir heute, dass chronischer Stress alles andere als harmlos ist. Chronischer Stress verändert die neuronale Architektur von Präfrontalcortex, Hippocampus und Amygdala und beeinflusst dadurch Gedächtnis, Emotionsregulation und kognitive Kontrolle. Das Gehirn ist hochgradig stresssensitiv und strukturell plastisch (McEwen & Morrison, 2013).
Gerade belastende emotionale Erfahrungen verschwinden nicht einfach. Sie können unser Nervensystem über Jahre prägen und sich auch langfristig auf den Körper auswirken. Eine große Meta-Analyse mit Daten aus 37 Studien zeigte, dass Menschen mit mehreren belastenden Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences, ACEs) ein deutlich erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, chronische Atemwegserkrankungen sowie gesundheitsschädigendes Verhalten wie Rauchen oder problematischen Alkoholkonsum haben. Mit jeder weiteren belastenden Erfahrung nahm das Gesundheitsrisiko weiter zu. Die Ergebnisse verdeutlichen, wie eng emotionale Belastungen und körperliche Gesundheit miteinander verbunden sind und wie wichtig ein achtsamer Umgang mit Stress und Emotionen für die langfristige Gesundheit ist (Hughes et al., 2017). Je länger ich in der Psychosomatik arbeitete, desto weniger interessierte mich allein die Frage: „Welche Krankheit hat dieser Mensch?“ Viel spannender wurde für mich die Frage: „Was hat dieser Mensch erlebt?“
Körpersignale verstehen – genauer hinhören
Wenn wir krank werden, richtet sich unsere Aufmerksamkeit ganz selbstverständlich und sinnvollerweise auf die Behandlung der Beschwerden. Nicht jede Erkrankung hat eine psychische Ursache, und eine medizinische Abklärung und Behandlung bleiben unverzichtbar.
Ergänzend kann es jedoch hilfreich sein, einmal innezuhalten und sich zu fragen:
- Warum bin ich krank geworden?
- Warum gerade jetzt?
- Was möchte mir mein Körper sagen?
Diese Fragen sind nicht immer leicht und manchmal auch unbequem. Gerade deshalb können sie einen neuen Blick auf das eigene Leben eröffnen und der Beginn einer neuen Verbindung zu unseren Emotionen und zu uns selbst sein. Gesund zu werden oder gesund zu bleiben bedeutet häufig mehr, als Medikamente einzunehmen. Es bedeutet auch, dem Körper das zu geben, was er braucht: Ruhe und Stille durch eine bewusste Pause vom hektischen Alltag. Schon wenige Minuten bewusster Stille können unserem Nervensystem helfen, wieder zur Ruhe zu kommen. Forschende konnten zeigen, dass bereits zwei Minuten Stille nach einer lauten Umgebung Blutdruck, Herzfrequenz und Atmung messbar senken (Bernardi et al., 2006). Vor allem aber bedeutet es, wieder zu fühlen, ohne sich dafür zu verurteilen. Denn wir sind keine Maschinen, die dauerhaft funktionieren müssen. Wir sind Menschen mit einem Körper, einer Psyche und einem komplexen Innenleben. Und ich finde, manchmal beginnt Gesundheit genau dort, wo wir wieder lernen, auf unseren Körper und unsere Emotionen zu hören.
Wenn Emotionen den Körper verändern
Unsere Emotionen beeinflussen nicht nur unsere Gedanken, sondern auch unmittelbar die Funktionen unseres Körpers. Friedman und Thayer konnten zeigen, dass Menschen mit Panikstörungen eine deutlich verringerte Herzratenvariabilität (HRV) aufweisen. Das deutet darauf hin, dass ihr autonomes Nervensystem weniger flexibel zwischen Anspannung und Entspannung wechseln kann. Die Studie macht deutlich, dass psychische Belastungen nicht nur „im Kopf“ stattfinden, sondern sich messbar auf körperliche Regulationsprozesse auswirken. Eine gut ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstregulation stärkt dagegen die Anpassungsfähigkeit des Nervensystems und bildet eine wichtige Grundlage für Gesundheit und Resilienz (Friedman & Thayer, 1998).
Körperwahrnehmung – der Zugang zu unseren Emotionen
Unser Körper sendet uns ununterbrochen Signale – über den Herzschlag, die Atmung, die Muskelspannung oder ein flaues Gefühl im Bauch. Häufig nehmen wir diese Signale jedoch erst wahr, wenn sie bereits sehr deutlich geworden sind. Ein wissenschaftlicher Übersichtsartikel zeigt, dass die bewusste Wahrnehmung dieser inneren Körpersignale – die sogenannte Interozeption – eine wichtige Grundlage für Achtsamkeit, Emotionsregulation und psychische Gesundheit bildet. Wer seinen Körper besser wahrnimmt, erkennt auch die eigenen Gefühle früher und kann bewusster mit ihnen umgehen (Gibson, 2019). Mirams und Kolleg:innen zeigten experimentell, dass die bewusste Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf innere Körpersignale die Verarbeitung emotionaler Reize verändert. Körperwahrnehmung trägt damit dazu bei, körperliche Empfindungen und emotionale Reaktionen differenzierter wahrzunehmen (Mirams et al., 2013).
Gesundheit braucht innere Stimmigkeit
Körpersignale wahrzunehmen ist jedoch erst der Anfang. Entscheidend ist auch, zu verstehen, worauf sie uns aufmerksam machen und welche Bedürfnisse möglicherweise über längere Zeit zu kurz gekommen sind. Psychische und körperliche Beschwerden entstehen häufig dann, wenn wichtige Bedürfnisse oder Lebensziele dauerhaft nicht erfüllt werden, was eine belastende innere Inkongruenz sein kann. Berking und Kolleg:innen zeigten, dass eine Verringerung dieser Inkongruenz im Verlauf einer stationären Psychotherapie mit einer Abnahme psychischer Beschwerden verbunden war. Die Ergebnisse unterstreichen, dass Gesundheit auch davon beeinflusst wird, wie stimmig wir unser Leben erleben (Berking et al., 2003).
Psychosomatik bedeutet auch, den Menschen als Ganzes zu betrachten. Denn Menschen unterscheiden sich nicht nur in ihren Beschwerden, sondern auch in ihren Bedürfnissen und Lebenszielen. Die Untersuchung von Berking und Kolleg:innen zeigt, wie unterschiedlich die persönlichen Ziele von Menschen in der psychosomatischen Rehabilitation sein können. Sie unterstreicht, wie wichtig es ist, individuelle Bedürfnisse, Werte und Lebensziele in die Behandlung einzubeziehen, statt für alle Menschen dieselben Lösungen anzunehmen (Berking et al., 2001).
Düfte können den Zugang zum Körper erleichtern
Wenn wir lernen möchten, unseren Körper wieder bewusster wahrzunehmen, können verschiedene Zugänge hilfreich sein. Neben Achtsamkeit, Atemtechniken oder Bewegung arbeite ich besonders gerne mit Düften. Denn unser Geruchssinn nimmt unter allen Sinnen eine besondere Stellung ein: Er ist direkt mit Hirnregionen verbunden, die Emotionen und Erinnerungen verarbeiten. Dadurch können Düfte helfen, den Blick vom hektischen Außen wieder nach innen zu richten und die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu unterstützen.
Eine kleine klinische Studie zeigt, dass Massagen mit ätherischen Ölen Stress und Angst reduzieren können. Gleichzeitig sanken die Cortisolwerte, was auf eine messbare Unterstützung der körpereigenen Stressregulation hinweist (Wu et al., 2014). Ein wissenschaftlicher Übersichtsartikel beschreibt, dass angenehme Berührungen und andere sanfte Sinnesreize beruhigende, stressregulierende Prozesse fördern können. Auch Formen der Selbstberührung werden dabei als mögliche Wege der Selbstberuhigung diskutiert (Uvnäs-Moberg et al., 2015). Eine wichtige Rolle spielt dabei das Bindungshormon Oxytocin, das unter anderem die Aktivität der Amygdala – unserem Angstzentrum – reguliert und so zu mehr innerer Ruhe beitragen kann (Huber et al., 2005).
Natürliche Düfte können unsere Stimmung und unser emotionales Erleben beeinflussen. Welche Wirkung entsteht, hängt jedoch wesentlich davon ab, wie ein Mensch den jeweiligen Duft wahrnimmt und bewertet (Weber & Heuberger, 2008). Genau deshalb arbeite ich bevorzugt mit Düften, die Menschen als angenehm und stimmig empfinden. Sie können zu einem persönlichen Anker werden und dabei helfen, den Zugang zum eigenen Körper, zu den eigenen Emotionen und damit auch zu den eigenen Ressourcen zu erleichtern.
Fazit – Der Körper ist ein Signalgeber
Wer meint, Psychosomatik bedeute, hinter jeder Erkrankung eine psychische Ursache zu suchen, der irrt. Vielmehr eröffnet sie die Möglichkeit, den Menschen als Ganzes zu betrachten und die Wechselwirkungen zwischen unserem Innenleben und unserem Körper besser zu verstehen. Unser Körper arbeitet nicht gegen uns. Gerade in unserer heutigen, oft reizüberfluteten und hektischen Lebenswelt versucht er häufig, uns auf etwas aufmerksam zu machen, dass wir im Alltag übersehen oder zu lange ignoriert haben.
Wenn wir lernen, die Signale unseres Körpers wahrzunehmen, unsere Emotionen besser zu verstehen und bewusst zu regulieren, stärken wir unsere emotionale Intelligenz. Zugleich schaffen wir eine wichtige Grundlage für Gesundheit, Resilienz und Lebensqualität. Genau deshalb beginnt Gesundheit für mich als Gesundheits- und Krankenpfleger oft nicht erst mit der Behandlung einer Krankheit. Sie beginnt viel früher: mit der Bereitschaft, auf den eigenen Körper und die eigenen Emotionen zu hören.
Emotionen bewusst verstehen. Potenziale gezielt entfalten.
Ob Sie Ihre emotionale Kompetenz stärken, sich persönlich weiterentwickeln oder Düfte professionell in Coaching, Therapie oder Pflege einsetzen möchten – entdecken Sie das Angebot, das zu Ihrem Anliegen passt.
Quellen
- Berking, M., Grosse Holtforth, M., & Jacobi, C. (2003). Reduction of incongruence in inpatient psychotherapy. Clinical Psychology & Psychotherapy, 10(2), 86–92. https://doi.org/10.1002/cpp.357
- Berking, M., Jacobi, C., & Masuhr, O. (2001). Therapieziele in der psychosomatischen Rehabilitation. Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis, 33(2), 259–272.
- Bernardi, L., Porta, C., & Sleight, P. (2006). Cardiovascular, cerebrovascular, and respiratory changes induced by different types of music in musicians and non-musicians: The importance of silence. Heart, 92(4), 445–452. https://doi.org/10.1136/hrt.2005.064600
- Decety, J., & Lamm, C. (2006). Human empathy through the lens of social neuroscience. The Scientific World Journal, 6, 1146–1163. https://doi.org/10.1100/tsw.2006.221
- Friedman, B. H., & Thayer, J. F. (1998). Autonomic balance revisited: Panic anxiety and heart rate variability. Journal of Psychosomatic Research, 44(1), 133–151. https://doi.org/10.1016/S0022-3999(97)00202-X
- Gibson, J. (2019). Mindfulness, interoception, and the body: A contemporary perspective. Frontiers in Psychology, 10, 2012. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2019.02012
- Huber, D., Veinante, P., & Stoop, R. (2005). Vasopressin and oxytocin excite distinct neuronal populations in the central amygdala. Science, 308(5719), 245–248. https://doi.org/10.1126/science.1105636
- Hughes, K., Bellis, M. A., Hardcastle, K. A., Sethi, D., Butchart, A., Mikton, C., Jones, L., & Dunne, M. P. (2017). The effect of multiple adverse childhood experiences on health: A systematic review and meta-analysis. The Lancet Public Health, 2(8), e356–e366. https://doi.org/10.1016/S2468-2667(17)30118-4
- Mirams, L., Poliakoff, E., Brown, R. J., & Lloyd, D. M. (2013). Interoceptive and exteroceptive attention have distinct effects on emotional processing. Cognition and Emotion, 27(7), 1265–1278. https://doi.org/10.1080/02699931.2013.772547
- McEwen, B. S., & Morrison, J. H. (2013). The brain on stress: Vulnerability and plasticity of the prefrontal cortex over the life course. Nature Reviews Neuroscience, 14(9), 609–620. https://doi.org/10.1038/nrn3526
- Rüegg, J. C. (2014). Gehirn, Psyche und Körper: Neurobiologie von Psychosomatik und Psychotherapie (5., aktualisierte Aufl.). Schattauer.
- Uvnäs-Moberg, K., Handlin, L., & Petersson, M. (2015). Self-soothing behaviors with particular reference to oxytocin release induced by non-noxious sensory stimulation. Frontiers in Psychology, 5, 1529. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2014.01529
- Weber, S. T., & Heuberger, E. (2008). The impact of natural odors on affective states in humans. Chemical Senses, 33(5), 441–447. https://doi.org/10.1093/chemse/bjn011
- Wu, J.-J., Cui, Y., Yang, Y.-S., Kang, M.-S., Jung, S.-C., Park, H. K., Yeun, H.-Y., Jang, W. J., Lee, S., Kwak, Y. S., & Eun, S.-Y. (2014). Modulatory effects of aromatherapy massage intervention on electroencephalogram, psychological assessments, salivary cortisol and plasma brain-derived neurotrophic factor. Complementary Therapies in Medicine, 22(3), 456–462. https://doi.org/10.1016/j.ctim.2014.04.001