Wer an Aromatherapie denkt, denkt meist zuerst an ätherische Öle. Sie sind die bekanntesten Pflanzenstoffe in der Arbeit mit Düften. Weniger bekannt ist, dass bei der Wasserdampfdestillation vieler aromatischer Pflanzen noch ein zweites wertvolles Produkt entsteht: das Hydrolat, auch Pflanzenwasser genannt.
Hydrolate wurden lange vor allem als Nebenprodukt der Destillation betrachtet. Wie wenig Aufmerksamkeit ihnen teilweise geschenkt wurde, habe ich selbst bei einer Destillation der Zirbelkiefer (Pinus cembra) in Südtirol erlebt.
Mich interessierte damals vor allem das ätherische Öl der Zirbe und die Frage, welche Bedeutung ihr charakteristischer Duft für Entspannung und Schlaf haben könnte. Vor Ort konnte ich miterleben, wie aus dem Pflanzenmaterial das ätherische Öl gewonnen wurde. Dabei entstand gleichzeitig eine erstaunlich große Menge Zirbenhydrolat. Während das ätherische Öl sorgfältig aufgefangen wurde, landete ein erheblicher Teil des Pflanzenwassers schlicht im Ausguss.
Genau dieses Erlebnis hat mir noch einmal deutlich gemacht, wie unterschiedlich beide Destillationsprodukte wahrgenommen werden. Denn ein Hydrolat ist keineswegs einfach nur das Wasser, das nach der Gewinnung des ätherischen Öls übrig bleibt. Es besitzt eine eigene Zusammensetzung, einen eigenen Duft und eigene Anwendungsmöglichkeiten.
Doch was sind Hydrolate eigentlich genau? Wie entstehen Pflanzenwässer, was unterscheidet sie von ätherischen Ölen und was wissen wir über ihre Eigenschaften und Wirkungen?
Grundlagen der Aromakunde
Drei Pflanzenstoffgruppen spielen in der Aromakunde eine zentrale Rolle. Diese Artikelserie stellt sie anhand konkreter Beispiele vor:
Ätherische Öle – Damaszener Rose
Fette Pflanzenöle – Walnussöl
Hydrolate – Hamamelis
Diesen Fragen gehen wir in diesem zweiten Teil der Grundlagenserie nach. Eine Pflanze ist dafür besonders interessant: die Zaubernuss (Hamamelis virginiana). Bei ihr steht gerade das Destillat im Mittelpunkt. Und für Hamamelisdestillate liegen sogar Untersuchungen am Menschen vor, anhand derer sich sehr schön zeigen lässt, was wir über die Wirkung eines Hydrolats wissenschaftlich tatsächlich sagen können und wo die Grenzen liegen.
Was sind Hydrolate und wie entstehen sie?
Hydrolate, auch Pflanzenwässer oder Blütenwässer genannt, entstehen bei der Wasser- oder Wasserdampfdestillation aromatischer Pflanzen. Während die flüchtigen, überwiegend lipophilen Bestandteile das ätherische Öl bilden, gelangen andere flüchtige Pflanzenstoffe in die wässrige Phase. Nach dem Abkühlen des Destillats trennen sich ätherisches Öl und Pflanzenwasser voneinander.
Das Hydrolat ist deshalb kein mit ätherischem Öl versetztes Wasser, sondern ein eigenständiges Destillationsprodukt mit einer eigenen chemischen Zusammensetzung. Es enthält vor allem wasserlösliche beziehungsweise im Destillationswasser lösliche flüchtige Pflanzenbestandteile und kann zusätzlich sehr geringe Mengen ätherischen Öls enthalten.
Genau deshalb unterscheiden sich Hydrolat und ätherisches Öl derselben Pflanze häufig deutlich voneinander. Duft, Zusammensetzung und Anwendungsmöglichkeiten können verschieden sein, obwohl beide während derselben Destillation entstehen.
Ein gutes Beispiel liefert wieder die Rose: Bei der Destillation von Rosa damascena entstehen sowohl das kostbare Rosenöl als auch das Rosenhydrolat. Bei anderen Pflanzen steht dagegen gerade das Pflanzenwasser im Mittelpunkt. Die Zaubernuss (Hamamelis virginiana) gehört zu diesen besonderen Fällen und wird uns deshalb später noch genauer beschäftigen.
Was steckt in Hydrolaten und warum riechen sie anders?
Wer den Duft eines ätherischen Öls kennt, kann vom Hydrolat derselben Pflanze zunächst überrascht sein. Pflanzenwasser und ätherisches Öl riechen nicht zwangsläufig gleich. Der Grund liegt in ihrer unterschiedlichen chemischen Zusammensetzung.
Während sich im ätherischen Öl vor allem die lipophilen, also fettlöslichen flüchtigen Pflanzenstoffe sammeln, enthält das Hydrolat bevorzugt Bestandteile, die eine größere Löslichkeit in Wasser besitzen. Welche Stoffe während der Destillation in welcher Menge in die wässrige Phase übergehen, hängt unter anderem von der jeweiligen Pflanze und den Bedingungen der Destillation ab.
Ein Hydrolat bildet deshalb nicht einfach das ätherische Öl in stark verdünnter Form ab. Sein chemisches Profil kann sich deutlich von dem des gleichzeitig gewonnenen ätherischen Öls unterscheiden. Das erklärt auch, warum ein Pflanzenwasser manchmal weicher oder krautiger, mitunter aber auch überraschend anders riecht als das dazugehörige Öl.
Gerade diese eigene Zusammensetzung macht Hydrolate fachlich interessant: Sie sind keine bloßen „Duftwässer“, sondern eigenständige Pflanzenprodukte, deren Eigenschaften und mögliche Wirkungen jeweils für das konkrete Hydrolat betrachtet werden müssen.
Wie werden Hydrolate angewendet?
Hydrolate haben ihren festen Platz vor allem in der Aromapflege und Hautpflege. Durch ihre wässrige Grundlage lassen sie sich beispielsweise als Gesichts- und Körperwasser, für Kompressen und Auflagen oder als erfrischende Sprays einsetzen. Damit erweitern sie das Spektrum pflanzlicher Anwendungen gerade dort, wo nicht das hochkonzentrierte ätherische Öl im Mittelpunkt steht.
Auch ich verwende Pflanzenwässer gerne in der Hautpflege, beispielsweise als Gesichtsspray zur Tonisierung und Erfrischung der Haut. Solche unkomplizierten Anwendungen zeigen für mich sehr schön, welchen praktischen Mehrwert Hydrolate bieten können.
Welches Hydrolat sich für eine Anwendung eignet, hängt von der verwendeten Pflanze, der Zusammensetzung des Destillats, seiner Qualität und dem jeweiligen Anwendungsziel ab. Rosen-, Lavendel-, Pfefferminz- oder Hamamelishydrolat unterscheiden sich deutlich in Duft und Inhaltsstoffen. Eigenschaften und mögliche Wirkungen sollten deshalb immer auf das konkrete Pflanzenwasser bezogen werden.
Die wissenschaftliche Forschung zu Hydrolaten steht im Vergleich zu ätherischen Ölen noch relativ am Anfang. Gleichzeitig hat sich in Aromatherapie und Aromapflege über viele Jahre ein umfangreiches Erfahrungswissen zu Pflanzenwässern und ihren Anwendungsmöglichkeiten entwickelt. Dieses Wissen kann wertvolle Hinweise für die Praxis liefern, sollte jedoch von wissenschaftlich untersuchten Wirkungen unterschieden werden.
Auch die häufig als sanfter wahrgenommene Anwendung sollte nicht mit grundsätzlich unbedenklich gleichgesetzt werden. Hydrolate sind zwar wesentlich geringer konzentriert als ätherische Öle, dennoch ist nicht jedes Pflanzenwasser für jede Person und jede Anwendung gleichermaßen geeignet. Produktqualität, Hygiene und eine fachgerechte Anwendung gehören deshalb auch hier zu einem professionellen Umgang.
Hamamelishydrolat – wenn das Pflanzenwasser im Mittelpunkt steht
Die Zaubernuss (Hamamelis virginiana) nimmt unter den Hydrolaten eine besondere Stellung ein. Anders als bei vielen aromatischen Pflanzen steht bei ihrer Destillation nicht die Gewinnung eines ätherischen Öls im Vordergrund. Verarbeitet werden vor allem Blätter und Rinde, um das Hamamelisdestillat selbst zu gewinnen. Damit zeigt die Pflanze sehr anschaulich, dass ein Hydrolat weit mehr sein kann als ein Nebenprodukt der Herstellung ätherischer Öle.
Hamamelisdestillate werden traditionell vor allem in der Hautpflege eingesetzt. Während viele Anwendungen von Hydrolaten bislang vor allem erfahrungskundlich beschrieben werden, liegen zu Hamamelisdestillaten auch Untersuchungen am Menschen vor. In einer kontrollierten Studie reduzierte eine Zubereitung mit Hamamelisdestillat experimentell durch UVB hervorgerufene Hautrötungen und zeigte damit Hinweise auf eine entzündungshemmende Wirkung (Hughes-Formella et al., 1998).
Weitere Untersuchungen zeigen zugleich, dass solche Ergebnisse differenziert betrachtet werden müssen. Die beobachteten Effekte hängen unter anderem von der verwendeten Zubereitung und dem Untersuchungsmodell ab. In einer Untersuchung bei Menschen mit atopischem Ekzem zeigte sich eine Hamameliszubereitung beispielsweise einer Hydrocortisonbehandlung nicht überlegen (Hughes-Formella et al., 2002; Korting et al., 1995).
Woran erkennt man hochwertige Hydrolate?
Bei Hydrolaten spielt die Qualität und hygienische Verarbeitung eine besondere Rolle. Anders als ätherische Öle bestehen Pflanzenwässer überwiegend aus Wasser und sind dadurch anfälliger für eine mikrobielle Verunreinigung. Saubere Herstellung, sachgerechte Abfüllung und Lagerung sind deshalb entscheidend.
Ein hochwertiges Hydrolat sollte aus der Destillation der angegebenen Pflanze stammen und klar deklariert sein. Pflanzenname, verwendeter Pflanzenteil und möglichst auch Angaben zu Herkunft und Herstellung helfen dabei, das Produkt nachvollziehbar einzuordnen. Davon zu unterscheiden sind Produkte, bei denen Wasser nachträglich mit ätherischem Öl oder Duftstoffen versetzt wurde. Sie sind keine Hydrolate im eigentlichen Sinne.
Auch nach dem Öffnen ist ein hygienischer Umgang wichtig. Hydrolate sollten entsprechend den Angaben des Herstellers gelagert und Veränderungen von Geruch, Farbe oder Aussehen ernst genommen werden. Eine pauschale Haltbarkeit lässt sich nicht für alle Pflanzenwässer angeben, da sie unter anderem von Herstellung, Abfüllung, Konservierung und Lagerungsbedingungen abhängt.
Fazit – Hydrolate sind mehr als ein Nebenprodukt
Als ich in Südtirol gesehen habe, wie große Mengen Zirbenhydrolat nach der Destillation im Ausguss landeten, stand für mich selbst noch das ätherische Öl im Mittelpunkt. Heute sehe ich Pflanzenwässer differenzierter: Hydrolate sind eigenständige Destillationsprodukte mit einer eigenen Zusammensetzung und eigenen Anwendungsmöglichkeiten.
Das Beispiel der Hamamelis zeigt besonders deutlich, dass das Pflanzenwasser keineswegs immer nur ein Nebenprodukt der Gewinnung ätherischer Öle ist. Hier steht gerade das Destillat selbst im Mittelpunkt. Gleichzeitig zeigen die Untersuchungen zu Hamamelis, warum auch bei Hydrolaten eine fachliche und wissenschaftlich differenzierte Betrachtung wichtig bleibt: Gerade weil bei vielen Hydrolaten bislang Erfahrungswissen und weniger eine breite wissenschaftliche Datenbasis zur Verfügung stehen, ist diese Unterscheidung besonders wichtig.
Für die professionelle Aromapflege sind Hydrolate deshalb weit mehr als ein Randprodukt der Destillation. Sie erweitern das Spektrum pflanzlicher Anwendungen gerade dort, wo eine wässrige und weniger konzentrierte Zubereitung gefragt ist. Entscheidend bleiben auch hier Qualität, Wissen und ein verantwortungsvoller Umgang. Genau darin liegt für mich ihr Wert: Sie müssen weder überschätzt noch als bloßes Nebenprodukt unterschätzt werden.
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Quellen
- Hughes-Formella, B. J., Bohnsack, K., Rippke, F., Benner, G., Rudolph, M., Tausch, I., & Gassmueller, J. (1998). Anti-inflammatory effect of hamamelis lotion in a UVB erythema test. Dermatology, 196(3), 316–322. https://doi.org/10.1159/000017904
- Hughes-Formella, B. J., Filbry, A., Gassmueller, J., & Rippke, F. (2002). Anti-inflammatory efficacy of topical preparations with 10% hamamelis distillate in a UV erythema test. Skin Pharmacology and Applied Skin Physiology, 15(2), 125–132. https://doi.org/10.1159/000049400
- Korting, H. C., Schäfer-Korting, M., Klövekorn, W., Klövekorn, G., Martin, C., & Laux, P. (1995). Comparative efficacy of hamamelis distillate and hydrocortisone cream in atopic eczema. European Journal of Clinical Pharmacology, 48(6), 461–465. https://doi.org/10.1007/BF00194335