Sie betreten einen Raum und irgendetwas fühlt sich vertraut an. Sie begegnen einem Menschen und können ihn sprichwörtlich „nicht riechen“. Ein bestimmter Duft versetzt Sie innerhalb von Sekunden zurück in Ihre Kindheit. Und beim Essen entscheidet Ihre Nase maßgeblich darüber, ob etwas köstlich schmeckt.
Gerüche beeinflussen uns jeden Tag. Und meistens bemerken wir es nicht einmal.
Unser Riechsinn kann Erstaunliches leisten: Menschen können Geruchsspuren verfolgen, emotionale Informationen in Körpergerüchen wahrnehmen und über einen einzigen Geruch lebhafte autobiografische Erinnerungen abrufen. Selbst ein großer Teil dessen, was wir als Geschmack erleben, entsteht durch Riechen.
Trotzdem fristet der Geruchssinn unter unseren Sinnen ein erstaunliches Schattendasein. Zeit also, einen Sinn neu zu entdecken, den wir jeden Tag nutzen und trotzdem erstaunlich wenig kennen.
Warum wir unseren Riechsinn unterschätzen
Der Mensch sieht sich gerne als vernunftbegabtes Wesen. Wir analysieren, denken, sprechen, lesen und treffen vermeintlich rationale Entscheidungen. Unser Geruchssinn wirkt dagegen fast ein wenig ursprünglich. Tiere schnüffeln sich durch ihre Umwelt, während wir Menschen uns lieber auf Augen, Ohren und unseren Verstand verlassen. Zumindest glauben wir das.
Diese Geringschätzung des Riechens hat eine lange Geschichte. Schon Aristoteles beschrieb den menschlichen Geruchssinn im Vergleich zu dem vieler Tiere als wenig ausgeprägt. Im 19. Jahrhundert verstärkte sich die Vorstellung, dass der Mensch im Laufe seiner Entwicklung an Riechvermögen verloren habe und sich stattdessen durch Vernunft und freien Willen auszeichne. Der Geruchssinn geriet zunehmend in den Schatten unserer vermeintlich wichtigeren Sinne.
Heute wissen wir, dass dieses Bild zu einfach ist. Der Neurowissenschaftler John McGann bezeichnete die Vorstellung vom Menschen als schlechtem „Riecher“ sogar als einen Mythos (McGann, 2017). Unser Geruchssinn ist keineswegs bedeutungslos oder verkümmert. Menschen können eine enorme Vielfalt an Gerüchen unterscheiden, feinste Veränderungen wahrnehmen und Geruchsinformationen für Orientierung, Nahrung, soziale Wahrnehmung und Erinnerung nutzen.
Eigentlich ist das wenig überraschend. Chemische Wahrnehmung gehört zu den ältesten Sinnessystemen der Evolution. Nahrung finden, Gefahren erkennen, sich orientieren und Artgenossen wahrnehmen: Riechen lieferte überlebenswichtige Informationen. Diese uralte Fähigkeit tragen wir bis heute in uns. Vielleicht ist unser Riechsinn also gar nicht so unbedeutend. Vielleicht haben wir nur verlernt, ihm Aufmerksamkeit zu schenken.
Wie funktioniert unser Riechsinn?
Mit jedem Atemzug gelangen unzählige Moleküle in unsere Nase. Ein Teil davon erreicht die Riechschleimhaut im oberen Bereich der Nasenhöhle. Dort sitzen Millionen von Riechrezeptorzellen, die unterschiedliche chemische Strukturen erkennen und die Informationen über den Riechnerv an das Gehirn weiterleiten. So entsteht schließlich das, was wir als Geruch wahrnehmen.
Schon die Nase selbst hält Überraschungen bereit. Vielleicht haben Sie bemerkt, dass Sie durch ein Nasenloch manchmal besser atmen können als durch das andere. Verantwortlich dafür ist der Nasenzyklus: Die Schleimhäute beider Nasenseiten schwellen abwechselnd stärker an und wieder ab und beeinflussen damit den Luftstrom zur Riechschleimhaut.
Besonders faszinierend sind die Riechrezeptorzellen. Sie gehören zu den wenigen Nervenzellen des menschlichen Körpers, die sich erneuern können. Das ist sinnvoll, denn an der Riechschleimhaut trifft unser Nervensystem unmittelbar auf Stoffe aus der Außenwelt.
Die eigentliche Besonderheit beginnt jedoch im Gehirn. Geruchsinformationen gelangen zunächst zum Bulbus olfactorius und von dort in ein Netzwerk von Hirnregionen, die eng mit Wahrnehmung, Bewertung, Emotionen und Gedächtnis verbunden sind.
Genau diese Verschaltung macht den Riechsinn so spannend: Ein Duft wird nicht einfach nur erkannt. Er kann unmittelbar mit Erfahrungen verknüpft, emotional bewertet und persönlich bedeutsam werden.
Und manchmal reicht ein einziger Geruch, damit eine längst vergangene Situation plötzlich wieder lebendig wird.
Warum Gerüche Erinnerungen wecken
Ein bestimmtes Essen erinnert an die Kindheit, ein Parfum an einen Menschen oder Sonnencreme an einen Urlaub. Mit einer Geruchserinnerung können zugleich Bilder, Körperempfindungen und Emotionen auftauchen.
Auch wissenschaftlich zeigt sich dieser besondere Zugang zu autobiografischen Erinnerungen. Masaoka et al. (2021) fanden, dass persönlich bedeutsame Gerüche Erinnerungen hervorrufen und mit emotionaler sowie bildhafter Verarbeitung im Gehirn verbunden sein können. Glachet und El Haj (2021) zeigten bei Menschen mit Alzheimer, dass Geruchsreize autobiografische Erinnerungen wirkungsvoller aktivieren konnten als visuelle oder verbale Hinweise.
Leiker et al. (2024) fanden bei Erwachsenen mit Depression ebenfalls, dass Gerüche im Vergleich zu Wörtern spezifischere und lebhaftere autobiografische Erinnerungen auslösen können. Gleichzeitig lohnt sich die wissenschaftliche Differenzierung: Geruchserinnerungen sind nicht grundsätzlich emotionaler oder intensiver als Erinnerungen anderer Sinnesmodalitäten. Bogenschütz et al. (2022) konnten diese verbreitete Annahme so nicht bestätigen.
Gerüche sind also keine magischen Schlüssel zu unserem Gedächtnis. Aber sie können sehr persönliche Türen öffnen.
Probieren Sie es selbst aus
Gibt es einen Geruch, der Sie unmittelbar an einen Menschen, einen Ort oder eine Situation erinnert? Vielleicht Kaffee, Sonnencreme, ein Gewürz, frisch gemähtes Gras oder ein bestimmtes Parfum. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und beobachten Sie, was zuerst auftaucht: ein Bild, eine Emotion, eine Körperempfindung oder eine konkrete Erinnerung?
Was Körpergerüche über Emotionen verraten
Wir riechen andere Menschen, meist ohne bewusst darüber nachzudenken. Dabei können Körpergerüche Informationen transportieren, die unsere Wahrnehmung und unser Verhalten beeinflussen. Der Riechsinn ist damit auch Teil unserer sozialen Kommunikation.
De Groot et al. (2012) untersuchten, ob sich Emotionen über menschlichen Schweiß vermitteln lassen. Tatsächlich lösten Körpergerüche von Menschen, die Angst oder Ekel erlebt hatten, bei anderen Personen entsprechende Reaktionen in Gesichtsmuskulatur und Wahrnehmung aus.
Eine systematische Übersichtsarbeit von Calvi et al. (2020) bestätigt, dass Körpergerüche Informationen über emotionale Zustände vermitteln können. Auch die Meta-Analyse von Cecchetto et al. (2020) zeigt, dass solche Chemosignale mit Veränderungen der Gehirnaktivität in Bereichen verbunden sind, die an der Verarbeitung von Emotionen und sozialen Informationen beteiligt sind.
Das bedeutet nicht, dass unsere Nase zuverlässig erkennt, was ein anderer Mensch fühlt. Die Forschung zeigt aber etwas Faszinierendes: Zwischen Menschen findet offenbar eine Form chemischer Kommunikation statt, die wir im Alltag kaum bewusst wahrnehmen. Vielleicht steckt deshalb tatsächlich etwas mehr Wahrheit in der Redewendung „jemanden nicht riechen können“, als man zunächst vermuten würde.
Warum wir mit der Nase schmecken
Was wir als Geschmack erleben, entsteht zu einem großen Teil durch unseren Geruchssinn. Die Zunge erkennt vor allem süß, sauer, salzig, bitter und umami. Die Vielfalt der Aromen erschließt sich dagegen wesentlich über die Nase.
Beim Essen gelangen Duftmoleküle über den Rachen zur Riechschleimhaut. Dieses retronasale Riechen verbindet Geruch und Geschmack zu dem komplexen Aroma, das wir beim Essen wahrnehmen.
Wie wichtig der Riechsinn dabei ist, können Sie leicht selbst erleben: Halten Sie sich beim Essen eines aromatischen Lebensmittels die Nase zu und kauen Sie einige Sekunden. Öffnen Sie anschließend die Nase wieder und atmen Sie aus. Häufig wird das charakteristische Aroma erst jetzt deutlich.
Riechen bedeutet also auch schmecken und genießen.
Menschen können einer Geruchsspur folgen
Wie leistungsfähig unsere Nase tatsächlich ist, zeigt ein ungewöhnliches Experiment besonders eindrucksvoll. Forschende um Jess Porter wollten wissen, ob Menschen etwas können, das wir normalerweise eher Tieren zutrauen: einer Geruchsspur folgen.
Dafür wurde auf einer Wiese eine Geruchsspur aus Schokoladenaroma angelegt. Die Versuchspersonen konnten weder sehen noch hören und mussten sich allein auf ihren Geruchssinn verlassen. Tatsächlich gelang es einem Großteil der Teilnehmenden, die Spur erfolgreich zu verfolgen (Porter et al., 2007).
In weiteren Versuchen zeigte sich zudem, dass Menschen ihre Leistung durch Übung verbessern konnten. Wurde die Wahrnehmung über beide Nasenlöcher beeinträchtigt, fiel die Orientierung dagegen schwerer. Unsere Nase kann Geruchsinformationen also sogar nutzen, um eine Duftquelle räumlich zu lokalisieren.
Das Experiment wirkt zunächst fast kurios. Gleichzeitig stellt es eine interessante Frage: Wie viele Fähigkeiten unseres Riechsinns nehmen wir kaum wahr, weil wir sie im Alltag schlicht nicht bewusst nutzen?
Riechen beginnt mit Aufmerksamkeit
Vielleicht liegt die eigentliche Faszination des Riechens gar nicht darin, möglichst viele Düfte erkennen oder benennen zu können. Viel spannender ist die Frage, was ein Geruch mit uns macht. Welche Emotion entsteht? Welche Erinnerung taucht auf? Wie verändert sich unsere Wahrnehmung? Und warum erlebt ein anderer Mensch denselben Duft möglicherweise ganz anders?
Bewusstes Riechen lässt sich trainieren. Und dafür braucht es zunächst nichts weiter als Aufmerksamkeit.
Probieren Sie es im Alltag aus
Nehmen Sie heute einen Geruch ganz bewusst wahr. Das kann Ihr Kaffee am Morgen sein, eine Pflanze, ein Gewürz oder die Luft draußen. Versuchen Sie zunächst nicht, den Duft sofort zu benennen oder zu bewerten.
Was nehmen Sie wahr? Was verändert sich? Welche Gedanken, Bilder oder Emotionen entstehen?
Schon wenige bewusste Momente können zeigen, wie viel unsere Nase wahrnimmt, während unsere Aufmerksamkeit längst mit etwas anderem beschäftigt ist.
Fazit – Mit einer wachen Nase durchs Leben
Unser Riechsinn kann weit mehr, als wir ihm im Alltag häufig zutrauen. Er verbindet Wahrnehmung mit Erinnerungen und Emotionen, liefert soziale Informationen und begleitet uns nahezu unbemerkt durch den Tag. Je besser wir seine Fähigkeiten verstehen, desto bewusster können wir wahrnehmen, wie Gerüche auf uns wirken.
Dabei ist unsere Nase auch ein faszinierender Genusskanal. Die Vielfalt von Gerüchen und Aromen prägt unser Essen, lässt uns Natur und Umgebung intensiver erleben und macht aus alltäglichen Momenten sinnliche Erfahrungen. Riechen bedeutet deshalb auch, die Welt in ihrer Vielfalt genießen zu können.
Gleichzeitig können Düfte gezielt eingesetzt werden, um Atmosphäre, Wahrnehmung und Bewertungen zu beeinflussen. Eine Meta-Analyse von Roschk und Hosseinpour (2020) zeigt, dass angenehme Umgebungsdüfte verschiedene Reaktionen von Kund:innen beeinflussen können, wobei die Wirkung von den jeweiligen Rahmenbedingungen abhängt. Eine wache Nase hilft uns deshalb, genauer hinzuspüren: Welche Gerüche tun mir gut? Welche Erinnerungen oder Emotionen entstehen? Wann beeinflusst ein Duft meine Wahrnehmung?
Vielleicht liegt genau darin die Faszination des Riechens: Unsere Nase informiert, erinnert, beeinflusst und lässt uns genießen. Je bewusster wir sie nutzen, desto vielfältiger können wir unsere Umwelt und uns selbst wahrnehmen.
Düfte verstehen. Emotionen gezielt begleiten.
Entdecken Sie, wie fundiertes Wissen über Riechen, Düfte und ihre Wirkung auf unser Erleben neue Perspektiven für Ihre berufliche Praxis eröffnet und Ihre Kompetenzen in der Arbeit mit Menschen erweitert.
Quellen
- Bogenschütz, L., Bermeitinger, C., Brörken, A., Schlüter, H., & Hackländer, R. P. M. (2022). Odor associated memories are not necessarily highly emotional. Acta Psychologica, 230, 103767. https://doi.org/10.1016/j.actpsy.2022.103767
- Calvi, E., Quassolo, U., Massaia, M., Scandurra, A., D’Aniello, B., & D’Amelio, P. (2020). The scent of emotions: A systematic review of human intra- and interspecific chemical communication of emotions. Brain and Behavior, 10(5), e01585. https://doi.org/10.1002/brb3.1585
- Cecchetto, C., Lancini, E., Bueti, D., Rumiati, R. I., & Parma, V. (2020). Human chemosignals and brain activity: A preliminary meta-analysis of the processing of human body odors. Chemical Senses, 45(9), 855–864. https://doi.org/10.1093/chemse/bjaa067
- de Groot, J. H. B., Smeets, M. A. M., Kaldewaij, A., Duijndam, M. J. A., & Semin, G. R. (2012). Chemosignals communicate human emotions. Psychological Science, 23(11), 1417–1424. https://doi.org/10.1177/0956797612445317
- Glachet, O., & El Haj, M. (2021). Odor is more effective than a visual cue or a verbal cue for the recovery of autobiographical memories in AD. Journal of Clinical and Experimental Neuropsychology, 43(2), 129–143. https://doi.org/10.1080/13803395.2021.1882392
- Leiker, E. K., Riley, E., Barb, S., Lazzaro, S. K., Compère, L., Webb, C., Canovali, G., & Young, K. D. (2024). Recall of autobiographical memories following odor vs verbal cues among adults with major depressive disorder. JAMA Network Open, 7(2), e2355958. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2023.55958
- Masaoka, Y., Sugiyama, H., Yoshida, M., Yoshikawa, A., Honma, M., Koiwa, N., Kamijo, S., Watanabe, K., Kubota, S., Iizuka, N., Ida, M., Ono, K., & Izumizaki, M. (2021). Odors associated with autobiographical memory induce visual imagination of emotional scenes as well as orbitofrontal-fusiform activation. Frontiers in Neuroscience, 15, 709050. https://doi.org/10.3389/fnins.2021.709050
- McGann, J. P. (2017). Poor human olfaction is a 19th-century myth. Science, 356(6338), eaam7263. https://doi.org/10.1126/science.aam7263
- Porter, J., Craven, B., Khan, R. M., Chang, S. J., Kang, I., Judkewitz, B., Volpe, J., Settles, G., & Sobel, N. (2007). Mechanisms of scent-tracking in humans. Nature Neuroscience, 10(1), 27–29. https://doi.org/10.1038/nn1819
- Roschk, H., & Hosseinpour, M. (2020). Pleasant ambient scents: A meta-analysis of customer responses and situational contingencies. Journal of Marketing, 84(1), 125–145. https://doi.org/10.1177/0022242919881137