Düfte bei traumatisierten Menschen einsetzen? Für viele Fachkräfte klingt das zunächst eher nach Risiko als nach Ressource. Schließlich können Gerüche Erinnerungen wachrufen, intensive Emotionen auslösen und im ungünstigsten Fall mit einem traumatischen Erlebnis verbunden sein. Die Sorge vor Triggern und Flashbacks ist deshalb verständlich und sollte ernst genommen werden.
Genau mit diesem Spannungsfeld beschäftige ich mich seit vielen Jahren. In meiner Arbeit in der Psychosomatik begegneten mir immer wieder Menschen mit seelischen Traumata und Traumafolgestörungen. Gleichzeitig waren ätherische Öle bereits Teil meiner beruflichen Entwicklung. Für mich war deshalb früh klar: Wenn ich beide Bereiche miteinander verbinden möchte, braucht es weit mehr als Wissen über Düfte. Ich vertiefte meine Kenntnisse über seelische Traumata, ihre Folgen und den professionellen Umgang damit und beschäftigte mich später intensiv mit Emotionen und ihrer mimischen Verarbeitung.
Aus dieser Verbindung von klinischer Erfahrung, Wissen über seelische Traumata und Aromakunde entwickelte sich über die Jahre mein eigener Ansatz. Nicht aus der Theorie heraus, sondern aus der praktischen Frage, wie Düfte bei traumatisierten Menschen verantwortungsvoll eingesetzt werden können.
Denn genau hier beginnt der spannende Perspektivwechsel: Wenn Gerüche so eng mit Emotionen und Erinnerungen verbunden sind, dass sie belastende Erfahrungen reaktivieren können, könnte gerade diese besondere Verbindung auch genutzt werden, um positive Ressourcen zugänglich zu machen?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst verstehen, warum Gerüche bei traumatisierten Menschen überhaupt zu so starken Reaktionen führen können.
Warum Gerüche Traumaerinnerungen auslösen können
Gerüche sind eng mit unserem autobiografischen Gedächtnis verbunden. Ein Duft kann Erinnerungen wachrufen, ohne dass wir bewusst danach suchen. Bei traumatisierten Menschen wird genau diese Eigenschaft bedeutsam, wenn ein bestimmter Geruch mit dem traumatischen Erlebnis verknüpft wurde.
Vermetten und Bremner (2003) beschrieben Gerüche bei Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung als starke Erinnerungshinweise, die traumatische Erinnerungen aktivieren können. Hinton et al. (2004) fanden bei kambodschanischen Geflüchteten ebenfalls einen Zusammenhang zwischen bestimmten Gerüchen, Panikreaktionen und traumatischen Erinnerungen.
Besonders deutlich zeigte sich dieser Zusammenhang bei Vermetten et al. (2007). Kriegsveteranen mit PTBS reagierten auf einen mit ihren Erfahrungen verbundenen Dieselgeruch mit stärkeren Angst- und PTBS-Symptomen. Gleichzeitig veränderte sich die Aktivität in Hirnregionen, die an der Verarbeitung von Emotionen und Bedrohung beteiligt sind.
Der entscheidende Punkt ist deshalb: Ein Geruch ist nicht automatisch ein Trigger. Entscheidend ist, wie er individuell mit Erfahrungen und Erinnerungen verknüpft ist. Ein Duft, der für einen Menschen neutral ist, kann für einen anderen eng mit einer belastenden Erfahrung verbunden sein.
Damit verändert sich auch die zentrale Frage für die Aromakunde. Es geht weniger darum, ob Düfte bei traumatisierten Menschen grundsätzlich eingesetzt werden dürfen, sondern vielmehr darum: Welche Bedeutung hat dieser konkrete Duft für diesen konkreten Menschen?
Müssen Düfte bei Trauma vermieden werden?
Wenn Gerüche traumatische Erinnerungen aktivieren können, scheint eine einfache Konsequenz zunächst naheliegend: Düfte bei traumatisierten Menschen lieber vermeiden. Doch so eindeutig ist es nicht. Gerüche begleiten uns ohnehin durch den gesamten Alltag und werden von jedem Menschen individuell wahrgenommen und bewertet.
Wie unterschiedlich diese Verarbeitung sein kann, zeigt auch die Forschung. Croy et al. (2010) fanden bei Frauen mit belastenden Kindheitserfahrungen Zusammenhänge zwischen der aktuellen PTBS-Symptomatik und der Wahrnehmung unangenehmer Gerüche. Cortese et al. (2015) zeigten bei Kriegsveteranen ebenfalls, dass eine PTBS mit Veränderungen der Geruchswahrnehmung und Geruchssensitivität verbunden sein kann.
Für die professionelle Arbeit bedeutet das: Düfte weder pauschal vermeiden noch unkritisch einsetzen. Entscheidend ist ein individuelles und traumasensibles Vorgehen. Ein Duft sollte niemals ungefragt oder überraschend eingesetzt werden. Die betroffene Person entscheidet selbst, ob sie sich darauf einlassen möchte, wie intensiv der Geruch sein darf und wann die Anwendung beendet wird.
Diese Selbstbestimmung ist gerade bei traumatisierten Menschen von besonderer Bedeutung. Traumatische Erfahrungen können mit Kontrollverlust und Hilflosigkeit verbunden sein. Die Arbeit mit Düften sollte deshalb bewusst etwas anderes ermöglichen: Wahlmöglichkeiten, Kontrolle und die Erfahrung, selbst entscheiden zu können.
Vom Trigger zur Ressource
Wenn Gerüche belastende Erinnerungen aktivieren können, stellt sich eine spannende Gegenfrage: Was geschieht bei Gerüchen, die mit positiven Erfahrungen verbunden sind? Auch sie können Erinnerungen an vertraute Menschen, besondere Orte, Sicherheit oder wohltuende Erlebnisse wachrufen.
Genau darin liegt eine interessante Möglichkeit für die Arbeit mit traumatisierten Menschen. Daniels und Vermetten (2016) beschreiben Gerüche bei PTBS einerseits als mögliche Auslöser intensiver emotionaler Erinnerungen, diskutieren andererseits aber auch ihr Potenzial als Grounding-Reize, die dabei helfen können, die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu richten.
Damit verändert sich die Perspektive: Ein Geruch muss nicht ausschließlich als möglicher Trigger betrachtet werden. Entscheidend bleibt seine individuelle emotionale Bedeutung. Ein positiv erlebter Duft kann damit auch zum Ausgangspunkt für Ressourcenaktivierung und Selbstregulation werden. Genau hier setzt mein Ansatz des Ressourcenduftes an.
Was ist ein Ressourcenduft?
Ein Ressourcenduft ist ein individuell ausgewählter Geruch, der mit einem positiven emotionalen Erleben verbunden ist. Das können beispielsweise Sicherheit, Ruhe, Zuversicht, Kraft oder Geborgenheit sein. Entscheidend ist dabei nicht, welche Wirkung einem ätherischen Öl allgemein zugeschrieben wird, sondern welche emotionale Reaktion ein Mensch tatsächlich auf einen Duft zeigt.
Dabei lohnt sich auch ein Blick auf die Mimik. Positive Emotionen zeigen sich nicht allein darin, was ein Mensch über sein Erleben berichtet. Sie können auch im Gesicht sichtbar werden. Keltner und Cordaro (2017) beschreiben charakteristische mimische Merkmale positiver Emotionen. Dazu gehört bei Freude auch die Aktivierung des äußeren Augenringmuskels (M. orbicularis oculi), das typische „Lächeln der Augen“.
Für meine Arbeit mit Ressourcendüften ist diese Beobachtung besonders wertvoll: Nicht die vermeintliche Wirkung eines Duftes entscheidet, sondern die individuelle positive Reaktion des Menschen. Die Mimik kann dabei einen zusätzlichen Hinweis geben, ob ein Duft tatsächlich mit positivem emotionalem Erleben verbunden ist.
Wie aus einem solchen Duft gezielt ein Ressourcenduft entwickelt und anschließend eingesetzt werden kann, ist Teil der praktischen Arbeit. Entscheidend ist zunächst das Grundprinzip: Der Mensch gibt die Richtung vor, nicht das ätherische Öl.
Düfte zur Stabilisierung nutzen
Stabilisierung spielt in der Begleitung traumatisierter Menschen eine wichtige Rolle. Im Mittelpunkt stehen dabei Sicherheit und Orientierung, der Zugang zu vorhandenen Ressourcen sowie die Fähigkeit, den eigenen emotionalen Zustand zunehmend selbst zu regulieren.
Hier können individuell positiv erlebte Düfte eine ergänzende Möglichkeit bieten. Daniels und Vermetten (2016) diskutieren Gerüche als mögliche Grounding-Reize, die dabei unterstützen können, die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu lenken. Ein vertrauter Duft kann so zu einem sensorischen Bezugspunkt werden, ohne dass ihm eine pauschale beruhigende oder stabilisierende Wirkung zugeschrieben werden muss.
Entscheidend ist die Haltung dahinter: Ein Duft soll unangenehme Emotionen nicht überdecken oder verdrängen. Vielmehr kann er einen zusätzlichen Zugang zu persönlichen Ressourcen eröffnen und die emotionale Selbstregulation unterstützen.
Gerade bei traumatisierten Menschen ist dabei die Selbstwirksamkeit von besonderer Bedeutung. Der Duft wird nicht als Lösung von außen vorgegeben. Die betroffene Person behält die Kontrolle darüber, ob und wie sie ihn nutzen möchte.
Düfte im traumatherapeutischen Prozess
Die Behandlung traumatischer Erfahrungen wird klassischerweise in die Bereiche Stabilisierung, Traumabearbeitung beziehungsweise Konfrontation und Integration gegliedert. Diese sind nicht als starre Abfolge zu verstehen, bieten aber eine hilfreiche Orientierung für den therapeutischen Prozess. Auch für den Einsatz von Düften lassen sich daraus unterschiedliche Möglichkeiten und klare Grenzen ableiten.
Stabilisierung: Hier liegt der zentrale Einsatzbereich von Ressourcendüften. Im Vordergrund stehen Sicherheit, Orientierung, Ressourcenaktivierung und Selbstregulation. Ein individuell positiv erlebter Duft kann diese Prozesse ergänzend unterstützen.
Konfrontation: Bei der gezielten Auseinandersetzung mit traumatischen Erinnerungen ist besondere Zurückhaltung erforderlich. Düfte sollten keinesfalls eigenständig zur Aktivierung traumatischer Inhalte eingesetzt werden. Ob ein bereits etablierter Ressourcenduft begleitend sinnvoll ist, gehört in die Hände entsprechend qualifizierter Fachpersonen.
Integration: Ressourcen bleiben auch bei der Verarbeitung und Einordnung des Erlebten bedeutsam. Ein vertrauter Duft kann dabei weiterhin als persönlicher Bezugspunkt genutzt werden.
Damit wird eine wichtige Grenze deutlich: Düfte behandeln kein Trauma. Ihr Potenzial liegt vielmehr darin, im geeigneten professionellen Rahmen Ressourcenaktivierung und emotionale Selbstregulation zu unterstützen.
Traumasensibel mit Düften arbeiten
Bei traumatisierten Menschen entscheidet nicht allein die Auswahl eines Duftes über eine verantwortungsvolle Anwendung. Entscheidend sind die fachliche Haltung, die individuelle Situation und ein sicherer Rahmen.
Düfte werden angeboten, niemals aufgedrängt. Auch ein allgemein als angenehm empfundener Geruch kann mit persönlichen Erinnerungen verbunden sein und unerwartete Reaktionen auslösen. Deshalb gilt es, verbale und nonverbale Signale aufmerksam wahrzunehmen und die Reaktion des Menschen ernst zu nehmen.
Für Fachpersonen bedeutet das, Möglichkeiten und Grenzen gleichermaßen zu kennen. Wer Düfte professionell bei traumatisierten Menschen einsetzen möchte, braucht mehr als Wissen über ätherische Öle. Ebenso wichtig sind Kenntnisse über Traumafolgen, emotionale Reaktionen, Stabilisierung sowie die Fähigkeit, verbale und nonverbale Signale aufmerksam wahrzunehmen und einzuordnen. Erst das Zusammenspiel dieser Kompetenzen ermöglicht einen sicheren und verantwortungsvollen Einsatz.
Und dennoch bleibt der wichtigste Faktor der Mensch selbst. Ein Duft kann eine Ressource unterstützen, aber er ersetzt weder eine tragfähige professionelle Beziehung noch eine notwendige Traumatherapie.
Fazit – Düfte als wertvolle Ressource
Gerüche sind eng mit Erinnerungen und unserem emotionalen Erleben verbunden. Gerade bei traumatisierten Menschen verlangt diese besondere Verbindung einen sensiblen und fachlich fundierten Umgang. Gleichzeitig liegt genau darin ein Potenzial, das aus meiner Sicht noch viel zu wenig genutzt wird.
In meiner langjährigen Arbeit mit traumatisierten Menschen habe ich erlebt, welchen Mehrwert Düfte bieten können, wenn sie individuell ausgewählt und gezielt zur Ressourcenaktivierung eingesetzt werden. Sie eröffnen einen zusätzlichen Zugang zu positivem Erleben und können Menschen darin unterstützen, eigene Ressourcen wahrzunehmen und für ihre emotionale Selbstregulation zu nutzen.
„Ein Duft sagt mehr als tausend Worte“ beschreibt für mich gerade in diesem Zusammenhang sehr treffend, was Düfte so besonders macht. Nicht jedes Erleben braucht zuerst Worte. Manchmal genügt ein Geruch, um etwas Positives spürbar werden zu lassen, das sprachlich nur schwer erreichbar wäre.
Genau darin liegt für mich die besondere Qualität einer professionellen Arbeit mit Düften bei traumatisierten Menschen: Sie erweitert die Möglichkeiten, Ressourcen zu stärken und Menschen einen weiteren Zugang zu ihrem eigenen emotionalen Erleben zu eröffnen.
Düfte verstehen. Emotionen gezielt begleiten.
Entdecken Sie, wie fundiertes Wissen über Riechen, Düfte und ihre Wirkung auf unser Erleben neue Perspektiven für Ihre berufliche Praxis eröffnet und Ihre Kompetenzen in der Arbeit mit Menschen erweitert.
Quellen
- Cortese, B. M., Leslie, K., & Uhde, T. W. (2015). Differential odor sensitivity in PTSD: Implications for treatment and future research. Journal of Affective Disorders, 179, 23–30. https://doi.org/10.1016/j.jad.2015.03.026
- Croy, I., Schellong, J., Joraschky, P., & Hummel, T. (2010). PTSD, but not childhood maltreatment, modifies responses to unpleasant odors. International Journal of Psychophysiology, 75(3), 326–331. https://doi.org/10.1016/j.ijpsycho.2009.12.012
- Daniels, J. K., & Vermetten, E. (2016). Odor-induced recall of emotional memories in PTSD: Review and new paradigm for research. Experimental Neurology, 284(Pt B), 168–180. https://doi.org/10.1016/j.expneurol.2016.08.001
- Hinton, D. E., Pich, V., Chhean, D., Pollack, M. H., & McNally, R. J. (2004). Olfactory-triggered panic attacks among Cambodian refugees attending a psychiatric clinic. General Hospital Psychiatry, 26(5), 390–397. https://doi.org/10.1016/j.genhosppsych.2004.04.008
- Keltner, D., & Cordaro, D. T. (2017). Understanding multimodal emotional expressions: Recent advances in basic emotion theory. In J.-M. Fernández-Dols & J. A. Russell (Eds.), The science of facial expression (pp. 57–75). Oxford University Press.
- Vermetten, E., & Bremner, J. D. (2003). Olfaction as a traumatic reminder in posttraumatic stress disorder: Case reports and review. The Journal of Clinical Psychiatry, 64(2), 202–207. https://doi.org/10.4088/JCP.v64n0214
- Vermetten, E., Schmahl, C., Southwick, S. M., & Bremner, J. D. (2007). Positron tomographic emission study of olfactory induced emotional recall in veterans with and without combat-related posttraumatic stress disorder. Psychopharmacology Bulletin, 40(1), 8–30.