Warum ausgerechnet Immortelle? Es gibt ätherische Öle, deren Duft sofort begeistert. Immortelle gehörte für mich zunächst nicht dazu. Als ich das ätherische Öl zum ersten Mal roch, empfand ich seinen intensiven, warmen und eigenwilligen Duft eher als gewöhnungsbedürftig. Umso mehr beschäftigte mich, dass ausgerechnet Immortelle in der Aromafachliteratur immer wieder im Zusammenhang mit seelischen Traumata beschrieben wird.
Auch in meiner Arbeit mit traumatisierten Patient:innen machte ich eine interessante Beobachtung. Gerade sie lehnten den Duft der Immortelle häufig ab. Natürlich ist das meine persönliche Praxiserfahrung und kein wissenschaftlicher Nachweis. Dennoch entstand daraus für mich eine Frage, die mich über Jahre begleiten sollte: Warum gilt Immortelle als besonderes Öl bei seelischem Trauma, wenn Menschen mit traumatischen Erfahrungen ihren Duft teilweise gar nicht mögen?
Hinzu kam ein weiterer Punkt. Die Empfehlungen in der Aromafachliteratur beruhen in diesem Bereich vor allem auf Erfahrungswissen und nicht auf klinischen Humanstudien mit traumatisierten Menschen. Das macht dieses Wissen keineswegs bedeutungslos. Allerdings wollte ich genauer verstehen, worauf diese Zuordnung beruht. Welche Erfahrungen stehen dahinter? Wie lässt sie sich fachlich einordnen? Und was wissen wir heute tatsächlich über Helichrysum italicum?
Diese Neugier führte mich 2016 schließlich zu Keyserlingk auf Korsika. Dort wollte ich der Immortelle dort begegnen, wo sie wächst, geerntet und destilliert wird. Mein Weg führte mich zur Familie von Keyserlingk bei Moriani-Plage und damit in einen Garten, den ich bereits damals als kleines Duftparadies erlebte. Zwischen Aromapflanzen, Destillationsanlagen und den Bergen der Castagniccia begann für mich eine intensivere Auseinandersetzung mit einer Pflanze, die bis heute spannende Fragen aufwirft.
Auf den Spuren der Immortelle
Bei Keyserlingk auf Korsika liegt etwas oberhalb von Moriani-Plage, zwischen Meer und den Bergen der Castagniccia, ein besonderer Ort. Hier gründeten Albrecht und Maria Bertha von Keyserlingk ihren landwirtschaftlichen Betrieb, aus dem sich über die Jahrzehnte Essences Naturelles Corses entwickelte. Als ich die Familie 2016 besuchte, konnte ich dort Albrecht und auch seine Tochter Sophia kennenlernen. Heute führt Sophia von Keyserlingk den Familienbetrieb weiter.
Schon beim Ankommen wurde deutlich, dass es hier um weit mehr als einzelne Fläschchen mit ätherischen Ölen geht. Rund um die Destillerie wachsen zahlreiche Aroma- und Duftpflanzen. Ein liebevoll angelegter Schaugarten macht sichtbar, wie unterschiedlich die Pflanzen aussehen, aus denen später ätherische Öle und Hydrolate entstehen. Dahinter erheben sich die Berge der Castagniccia. Genau diese Verbindung aus Landschaft, Pflanzen und handwerklicher Verarbeitung machte den Ort für mich besonders.
Natürlich interessierte mich vor allem eine Pflanze: die Immortelle. Auf Korsika gehört Helichrysum italicum zur charakteristischen Pflanzenwelt. Bei Keyserlingk konnte ich ihr außerhalb des Fläschchens begegnen und zugleich erleben, wie aus einer unscheinbaren gelben Pflanze eine der kostbarsten Essenzen der Aromakunde entsteht. Damit begann für mich die nächste Etappe meiner Suche nach einer Antwort auf die Frage, die mich überhaupt nach Korsika geführt hatte.
Ein Garten voller Duftpflanzen
Wer durch den Schaugarten der Familie von Keyserlingk geht, begegnet vielen Pflanzen, die sonst meist nur als Name auf einem Fläschchen erscheinen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Mittelgang mit seinen rosenberankten Bögen und die große Vielfalt der Zitrusgewächse. Neben Bergamotte und Orange entdeckte ich dort Zitronatzitrone, Kumquat und die auffällige Buddhas Hand. Dazwischen wachsen zahlreiche weitere Aromapflanzen wie Lemongrass, Muskatellersalbei und Vetiver. Für mich war es damals ein kleines Paradies für Aromabegeisterte.
Gerade diese Begegnungen verändern den Blick auf ätherische Öle. Vetiver beispielsweise wirkt oberirdisch eher unscheinbar. Sein ätherisches Öl wird jedoch aus den Wurzeln gewonnen. Bei meinem Besuch erklärte uns die Destillateurin, wie anspruchsvoll dessen Verarbeitung aufgrund der zähflüssigen Beschaffenheit des Öls sein kann. Solche Einblicke machen deutlich, wie viel Pflanzenmaterial, Erfahrung und handwerkliche Arbeit hinter einer kleinen Flasche ätherischen Öls stehen.
Zwischendurch blieb aber auch Zeit, den Ort einfach auf sich wirken zu lassen. Holzbänke luden zwischen den Pflanzen zu kleinen Ruhepausen ein. Von dort reichte der Blick über den Schaugarten mit seinen Rosenfeldern bis zu den Bergen der Castagniccia. Selbst Teebaum und ein damals noch junger Manukastrauch waren im Garten zu entdecken. Gerade diese Mischung aus Pflanzenvielfalt, Landschaft und Ruhe ist mir von meinem Besuch bis heute in Erinnerung geblieben.
Besonders eindrücklich wurde das in der Destillerie selbst. Dort standen bei meinem Besuch drei Anlagen mit unterschiedlichen Größen. Gerade wurde Rosmarin vom Cap Corse mit Wasserdampf destilliert, sodass ein feiner Rosmarinduft in der Halle lag. Hier wurde für mich unmittelbar erlebbar, wie aus einer Pflanze ein ätherisches Öl entsteht.
Warum Immortellenöl so kostbar ist
Wer eine kleine Flasche Immortellenöl in der Hand hält, ahnt zunächst kaum, wie viel Pflanzenmaterial darin steckt. Helichrysum italicum besitzt nur einen geringen Anteil an ätherischem Öl. Zudem können Herkunft, Standort, Erntezeitpunkt und Destillation sowohl die Ausbeute als auch die Zusammensetzung beeinflussen. Ein umfassender Review von Furlan und Bren (2023) zeigt, wie unterschiedlich die Ergebnisse je nach Pflanzenmaterial und Gewinnungsverfahren ausfallen können.
Entsprechend groß ist der Aufwand für wenige Milliliter ätherisches Immortellenöl. Hinzu kommen Anbau beziehungsweise Wildsammlung, Ernte und sorgfältige Destillation. Die geringe und variable Ausbeute ist deshalb ein wichtiger Faktor für den hohen Wert des Öls. Zugleich zeigt die Forschung, dass bei Immortelle nicht allein die gewonnene Menge zählt. Auch die chemische Qualität des fertigen ätherischen Öls kann erheblich variieren (Furlan & Bren, 2023).
Die geringe Ausbeute erklärt den hohen Preis allerdings nicht allein. Auch die gestiegene Nachfrage nach Helichrysum italicum, die Herkunft sowie Anbau, Ernte und Verarbeitung beeinflussen den Wert des Öls. Besonders korsisches Immortellenöl entwickelte sich zu einem gefragten Produkt, sodass Wildsammlung zunehmend durch gezielten Anbau ergänzt wurde.
Warum Immortelle mit Trauma verbunden wird
In der Aromafachliteratur wird Immortelle traditionell bei Prellungen, Hämatomen und anderen stumpfen Verletzungen beschrieben. Der Begriff Trauma meint hier zunächst eine körperliche Verletzung. Experimentelle Untersuchungen liefern Hinweise auf entzündungshemmende Eigenschaften und mögliche Effekte auf Prozesse der Wundheilung (Andjić et al., 2021; Wijayadi & Kelvin, 2022). Daraus lässt sich jedoch keine klinisch gesicherte Wirkung beim Menschen ableiten.
Spannend wurde die Immortelle für mich vor allem dadurch, dass sie in der Aromafachliteratur auch bei Schock, seelischen Verletzungen und psychischen Traumata empfohlen wird. Für eine spezifische Wirkung bei psychischen Traumata oder Traumafolgestörungen gibt es bislang jedoch keine belastbaren klinischen Belege. Diese Zuordnung beruht vor allem auf Erfahrungswissen.
Gerade deshalb beschäftigte mich meine eigene Beobachtung so sehr: Einige traumatisierte Patient:innen lehnten den Duft der Immortelle deutlich ab. Für mich entstand daraus eine viel wichtigere Frage als die Suche nach dem vermeintlich „richtigen“ Öl: Wie erlebt der einzelne Mensch diesen Duft überhaupt?
Der Mensch entscheidet, nicht das Öl
Gerade bei traumatisierten Menschen zeigt sich für mich, warum einfache Zuordnungen von ätherischen Ölen und psychischen Beschwerden zu kurz greifen. Ein Duft kann in der Fachliteratur noch so positiv beschrieben werden. Entscheidend ist zunächst, wie der einzelne Mensch ihn wahrnimmt und was er mit ihm verbindet.
Das hat einen einfachen Grund: Gerüche sind eng mit Emotionen, Erinnerungen und persönlichen Erfahrungen verbunden. Ein Duft, den eine Person als angenehm und stabilisierend erlebt, kann bei einer anderen Ablehnung oder unangenehme Erinnerungen hervorrufen. Gerade bei traumatisierten Menschen braucht der Einsatz von Düften deshalb einen besonders achtsamen und individuellen Rahmen.
Für mich bedeutet das: Eine fachliche Empfehlung kann Orientierung geben, sie ersetzt jedoch niemals die Wahrnehmung des Menschen. Immortelle ist dafür ein besonders eindrückliches Beispiel. Meine Erfahrungen mit ihr haben meinen Blick auf Aromakunde über die Jahre wesentlich geprägt. Statt zu fragen „Welches Öl hilft bei Trauma?“ interessiert mich heute viel stärker: Was braucht dieser Mensch, und welchen Beitrag kann ein Duft in diesem konkreten Kontext überhaupt leisten?
Fazit – was mir diese Duft-Reise gezeigt hat
Wenn ich heute auf meinen Besuch bei Keyserlingk auf Korsika im Jahr 2016 zurückblicke, war diese Reise weit mehr als ein schöner Aufenthalt in einem Duftgarten. Mein Besuch fiel auf einen besonderen Zeitpunkt: Am 28. Mai wurde auf dem Hof ein Fest gefeiert. Zwischen Führungen, Pflanzen, Begegnungen und Gesprächen konnte ich den Ort dadurch besonders intensiv erleben. Vor allem aber bekam ich die Gelegenheit, einer Pflanze näherzukommen, die mich fachlich schon lange beschäftigt hatte. Aus einer zunächst irritierenden Erfahrung mit ihrem Duft wurde eine intensive Auseinandersetzung mit Herkunft, Herstellung, Inhaltsstoffen und den unterschiedlichen Bedeutungen, die der Immortelle in der Aromafachliteratur zugeschrieben werden.
Besonders prägend war für mich die Frage, warum Immortelle gerade bei seelischen Traumata empfohlen wird, obwohl diese Zuordnung vor allem auf Erfahrungswissen beruht und meine eigenen klinischen Beobachtungen zunächst in eine andere Richtung wiesen. Genau diese Spannung hat meinen Blick geschärft: Erfahrungswissen kann wertvoll sein, sollte aber immer wieder fachlich geprüft, eingeordnet und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen abgeglichen werden.
Meine Reise nach Korsika hat mir deshalb etwas gezeigt, das bis heute meine Arbeit prägt: Es reicht nicht, eine Empfehlung aus einem Fachbuch zu übernehmen. Ich möchte verstehen, woher sie kommt, was dahintersteht und für welchen Menschen sie überhaupt passend sein kann. Gerade bei traumatisierten Menschen ist diese Haltung für mich entscheidend.
Die Immortelle ist für mich deshalb bis heute ein besonderes Öl. Nicht, weil sie eine einfache Antwort liefert, sondern weil sie mich dazu gebracht hat, genauer hinzusehen. Genau darin liegt für mich der Wert solcher Duft-Reisen: Sie verbinden persönliche Erfahrung, Pflanzenwissen, fachliche Neugier und wissenschaftliche Einordnung zu einem größeren Verständnis.
Mehr über Immortelle entdecken
Wer nach dieser Duft-Reise noch tiefer in die Welt der Immortelle eintauchen möchte, dem empfehle ich das Buch von Andrea Nabert. In Immortelle. Porträt einer wilden Duft- und Heilpflanze widmet sie sich ausführlich dieser besonderen Pflanze und verbindet Wissenswertes über Immortelle mit zahlreichen Anregungen für Naturheilkunde, Kosmetik und Küche. Ihre persönliche Begeisterung für Helichrysum italicum ist dabei deutlich spürbar. Ein schönes Buch für alle, die die Immortelle über ihr ätherisches Öl hinaus kennenlernen möchten.
Ein Stück Korsika findet sich übrigens auch mitten in Frankfurt. Im Grüneburgweg führt Bianca von Keyserlingk ihr Geschäft Lilith rund um hochwertige Naturkosmetik und ausgewählte Produkte der Familie von Keyserlingk. Wer die korsischen Essenzen kennenlernen, die Produkte einmal selbst entdecken oder mehr über die Welt der Naturkosmetik erfahren möchte, findet hier eine direkte Verbindung zwischen Frankfurt und Korsika.
Ein paar Impressionen vom duftenden Schaugarten …
Emotionen bewusst verstehen. Potenziale gezielt entfalten.
Ob Sie Ihre emotionale Kompetenz stärken, sich persönlich weiterentwickeln oder Düfte professionell in Coaching, Therapie oder Pflege einsetzen möchten – entdecken Sie das Angebot, das zu Ihrem Anliegen passt.
Quellen
- Andjić, M., Božin, B., Draginić, N., Kočović, A., Jeremić, J. N., Tomović, M., Milojević Šamanović, A., Kladar, N., Čapo, I., Jakovljević, V., & Bradić, J. V. (2021). Formulation and evaluation of Helichrysum italicum essential oil-based topical formulations for wound healing in diabetic rats. Pharmaceuticals, 14(8), 813. https://doi.org/10.3390/ph14080813
- Furlan, V., & Bren, U. (2023). Helichrysum italicum: From extraction, distillation, and encapsulation techniques to beneficial health effects. Foods, 12(4), 802. https://doi.org/10.3390/foods12040802
- Lemaire, G., Olivero, M., Rouquet, V., Moga, A., Pagnon, A., Cenizo, V., & Portes, P. (2023). Neryl acetate, the major component of Corsican Helichrysum italicum essential oil, mediates its biological activities on skin barrier. PLOS ONE, 18(3), e0268384. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0268384
- Wijayadi, L. J., & Kelvin, K. (2022). Effectiveness of Helichrysum italicum essential oil on wound healing. Journal of Food and Pharmaceutical Sciences, 10(2), 681–697. https://doi.org/10.22146/jfps.5324