Wir kommen nicht jeden Morgen entspannt, ausgeglichen und voller Energie bei der Arbeit an. Vielleicht gab es zu Hause noch eine Auseinandersetzung mit der Partnerin oder dem Partner, das pubertierende Kind hat die Nerven strapaziert, auf dem Weg zur Arbeit standen wir im Stau und dann war auch noch die Parkplatzsuche mühsam. Manchmal sitzen wir schließlich am Arbeitsplatz und merken: Heute brauche ich erst einmal einen Moment für mich.
Solche Tage gehören zum Leben. Denn wir lassen unsere Emotionen nicht vor der Tür zurück, wenn wir zur Arbeit kommen. Umso wichtiger ist es, sich selbst gut zu kennen und zu wissen: Was hilft mir dabei, wieder mit meinen eigenen Ressourcen in Kontakt zu kommen und emotionale Ressourcen gezielt zu aktivieren?
Manchmal kann der erste Schritt erstaunlich einfach sein. Sich einen Moment hinsetzen. Wahrnehmen, was gerade da ist. Und bewusst atmen. Langsame Atmung kann die Herzratenvariabilität erhöhen und die parasympathische Regulation unterstützen. Auch die bewusste Wahrnehmung des eigenen Atems ist mit neuronalen Prozessen verbunden, die für Aufmerksamkeit und Emotionsregulation bedeutsam sind (Doll et al., 2016; Laborde et al., 2022).
Entspannung kann in solchen Momenten eine wichtige Ressource sein. Nicht, weil unangenehme Gefühle möglichst schnell verschwinden müssen. Sondern weil ein wenig mehr innere Ruhe dabei helfen kann, wieder wahrzunehmen, was wir brauchen und was uns guttut. Vielleicht kennen wir bereits etwas, das uns dabei unterstützt. Eine Erinnerung, ein Musikstück, ein inneres Bild oder einen vertrauten Geruch.
Ressourcen zu stärken bedeutet für mich deshalb zunächst, den Menschen mit seinen ganz persönlichen Möglichkeiten in den Mittelpunkt zu stellen. Was hilft mir? Was gibt mir Sicherheit? Was stärkt mich? Und wie kann ich mir genau das im Alltag wieder zugänglich machen?
Gerade Düfte können dabei einen besonderen Zugang eröffnen. Denn Gerüche sind eng mit persönlichen Erinnerungen und den damit verbundenen Emotionen verknüpft.
Düfte als Schlüssel zu Ressourcen
Manchmal genügt ein bestimmter Geruch und plötzlich ist eine Erinnerung wieder da. Vielleicht der Duft eines Ortes, an dem wir uns besonders wohlgefühlt haben, der Geruch eines vertrauten Menschen oder ein Aroma, das wir mit einem schönen Erlebnis verbinden. Dabei erinnern wir uns häufig nicht allein an eine Situation. Auch etwas von dem damaligen emotionalen Erleben kann wieder spürbar werden.
Gerüche besitzen hier eine besondere Qualität. Untersuchungen zeigen, dass autobiografische Erinnerungen, die durch Gerüche ausgelöst werden, eine ausgeprägte emotionale Qualität haben können. Düfte können deshalb interessante Schlüssel zu persönlichen Erfahrungen und den damit verbundenen Emotionen sein (Herz, 2004).
Auch auf neuronaler Ebene lässt sich diese besondere Verbindung beobachten. Bei persönlich bedeutsamen geruchsausgelösten Erinnerungen zeigten sich in einer fMRT-Untersuchung unter anderem Aktivierungen von Amygdala und Hippocampus. Beide Hirnregionen spielen für die Verarbeitung von Emotionen und Erinnerungen eine wichtige Rolle (Herz et al., 2004).
Genau das macht Düfte für die Aktivierung emotionaler Ressourcen so interessant. Positiv besetzte Gerüche können autobiografische Erinnerungen hervorrufen, die wiederum mit emotionalen und körperlichen Reaktionen verbunden sein können (Herz, 2016). Entscheidend ist dabei der Mensch selbst. Ein Duft vermittelt nicht für jeden automatisch Ruhe, Sicherheit oder Zuversicht. Bedeutsam ist vielmehr, was ein Geruch für mich persönlich bedeutet und womit ich ihn verbinde.
Ressourcen bewusst verankern
Wenn wir wissen, was uns stärkt, können wir beginnen, solche Ressourcen bewusster in unseren Alltag einzubeziehen. Vielleicht kennen wir einen Moment, in dem wir uns besonders ruhig, zuversichtlich oder sicher gefühlt haben. Die Erinnerung daran kann bereits etwas in uns verändern. Ein damit verbundener Reiz kann zusätzlich als Hinweis dienen, sich diese Erfahrung wieder in Erinnerung zu rufen.
Im NLP wird eine solche Verbindung zwischen einem inneren Erleben und einem bestimmten Reiz als Ankern bezeichnet. Das Prinzip begegnet uns allerdings auch ganz selbstverständlich im Alltag. Ein Lied erinnert uns an einen besonderen Sommer, ein Foto an einen Menschen oder ein bestimmter Geruch an einen Ort, an dem wir uns wohlgefühlt haben. Entscheidend ist dabei nicht der Reiz allein, sondern die persönliche Bedeutung, die wir mit ihm verbinden.
Genau hier können Düfte interessant werden. Ein individuell positiv besetzter Duft kann dabei als Hinweisreiz genutzt werden, um den Zugang zu einem hilfreichen emotionalen Zustand zu unterstützen. Dabei geht es nicht darum, sich auf Knopfdruck in eine bestimmte Stimmung zu versetzen. Vielmehr kann der Duft dabei unterstützen, sich an eine bereits vorhandene Ressource zu erinnern und wieder mit ihr in Kontakt zu kommen.
Für den Berufsalltag kann das ganz praktisch sein. Wer beispielsweise vor einem anspruchsvollen Gespräch merkt, dass die eigene Anspannung steigt, kann auf etwas zurückgreifen, das bereits persönlich mit Ruhe oder Zuversicht verbunden ist. Ressourcen zu aktivieren bedeutet dabei nicht, etwas künstlich herzustellen. Es bedeutet, wieder Zugang zu etwas zu finden, das bereits zu uns gehört.
Ressourcen brauchen Wiederholung
Eine Ressource einmal zu entdecken oder bewusst zu erleben, ist ein wichtiger Anfang. Doch damit sie uns im Alltag leichter zur Verfügung steht, ist es hilfreich, immer wieder mit ihr in Kontakt zu kommen. Das kennen wir aus vielen Bereichen unseres Lebens: Was wir regelmäßig üben und anwenden, wird vertrauter und lässt sich mit der Zeit leichter abrufen.
Auch die Lernforschung zeigt, wie wichtig wiederholtes aktives Abrufen für langfristiges Behalten ist. Dabei verändern sich neuronale Aktivierungsmuster, und genau diese Veränderungen stehen mit einer längerfristigen Gedächtnisleistung in Zusammenhang (Karlsson Wirebring et al., 2015).
Für die Praxis bedeutet das: Ressourcen brauchen Übung. Wenn ich weiß, was mir guttut, kann ich mir im Alltag immer wieder kleine Momente schaffen, in denen ich diese Ressource bewusst aktiviere. Das kann ein ruhiger Atemzug sein, eine hilfreiche Erinnerung oder auch ein persönlich bedeutsamer Duft. Je selbstverständlicher dieser Umgang wird, desto leichter kann es werden, auch in herausfordernden Situationen darauf zurückzugreifen.
Und genau hier zeigt sich für mich auch, was nachhaltiger Transfer aus Training und Coaching bedeutet. Eine gute Erfahrung während eines Trainings ist wertvoll. Entscheidend ist jedoch, was davon anschließend seinen Platz im wirklichen Leben findet.
Fazit – Ressourcen stärken und nutzen
Während ich diesen Artikel schreibe, liegt neben mir ein kleines Stofftäschchen mit meinen persönlichen Ressourcendüften. Einige davon habe ich für mich den vier psychischen Grundbedürfnissen nach Grawe zugeordnet. Über die Jahre habe ich sehr genau herausgefunden, welche Düfte und Duftkombinationen mir in unterschiedlichen Situationen guttun.
Denn auch ich habe Tage, an denen ich schlecht geschlafen habe, ein Konflikt nachwirkt oder eine anstrengende Woche ihre Spuren hinterlassen hat. Manchmal brauche ich mehr Ruhe und Entspannung. Manchmal Zuversicht oder Sicherheit. Und manchmal tut mir etwas gut, das wieder ein wenig mehr Lebendigkeit und Leichtigkeit in den Tag bringt.
Für mich liegt genau darin die besondere Qualität von Ressourcen: Wir können lernen, uns selbst besser zu kennen und wahrzunehmen, was wir gerade brauchen. Je vertrauter wir damit sind, desto leichter können wir auf das zurückgreifen, was uns stärkt. Düfte sind für mich dabei ein besonders unmittelbarer Weg, wieder mit meinen eigenen emotionalen Ressourcen in Kontakt zu kommen.
Denn es macht einen Unterschied, aus welchem inneren Zustand heraus wir einem Menschen begegnen, ein schwieriges Gespräch führen, eine Entscheidung treffen oder eine Herausforderung angehen. Wir werden nicht jeden Tag vollkommen ausgeglichen sein. Das müssen wir auch nicht. Aber wir können lernen, gut für uns zu sorgen und immer wieder etwas mehr in unsere eigene Mitte zurückzufinden.
Ressourcen stärken bedeutet deshalb für mich, Menschen darin zu unterstützen, ihre eigenen Möglichkeiten zu entdecken und sie im Alltag wirklich nutzen zu können. Genau darum geht es auch in meinen Trainings und Coachings. Und manchmal kann ein kleiner Duft dabei ein erstaunlich schöner Schlüssel sein.
Vielleicht darf es am Ende sogar etwas einfacher sein: Das Leben stellt uns vor genügend Herausforderungen. Wir dürfen uns deshalb auch erlauben, das zu nutzen, was uns stärkt und uns ein wenig mehr Leichtigkeit schenkt.
Emotionen bewusst verstehen. Potenziale gezielt entfalten.
Ob Sie Ihre emotionale Kompetenz stärken, sich persönlich weiterentwickeln oder Düfte professionell in Coaching, Therapie oder Pflege einsetzen möchten – entdecken Sie das Angebot, das zu Ihrem Anliegen passt.
Quellen
- Doll, A., Hölzel, B. K., Mulej Bratec, S., Boucard, C. C., Xie, X., Wohlschläger, A. M., & Sorg, C. (2016). Mindful attention to breath regulates emotions via increased amygdala-prefrontal cortex connectivity. NeuroImage, 134, 305–313. https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2016.03.041
- Herz, R. S. (2004). A naturalistic analysis of autobiographical memories triggered by olfactory, visual and auditory stimuli. Chemical Senses, 29(3), 217–224. https://doi.org/10.1093/chemse/bjh025
- Herz, R. S. (2016). The role of odor-evoked memory in psychological and physiological health. Brain Sciences, 6(3), Article 22. https://doi.org/10.3390/brainsci6030022
- Herz, R. S., Eliassen, J., Beland, S., & Souza, T. (2004). Neuroimaging evidence for the emotional potency of odor-evoked memory. Neuropsychologia, 42(3), 371–378. https://doi.org/10.1016/j.neuropsychologia.2003.08.009
- Karlsson Wirebring, L., Wiklund-Hörnqvist, C., Eriksson, J., Andersson, M., Jonsson, B., & Nyberg, L. (2015). Lesser neural pattern similarity across repeated tests is associated with better long-term memory retention. The Journal of Neuroscience, 35(26), 9595–9602. https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.3550-14.2015
- Laborde, S., Allen, M. S., Borges, U., Hosang, T. J., Furley, P., Mosley, E., & Dosseville, F. (2022). Effects of voluntary slow breathing on heart rate and heart rate variability: A systematic review and a meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 138, 104711. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2022.104711