Mensch zu sein bedeutet auch, mit anderen Menschen mitzufühlen. Wir nehmen wahr, wenn jemand angespannt, traurig, verärgert oder verunsichert ist. Und die Emotionen unseres Gegenübers können auch in uns selbst etwas auslösen.
Besonders relevant wird Empathie überall dort, wo Menschen beruflich Verantwortung für andere tragen. Ob Führungskraft, Pflegefachperson, Coach oder Therapeut:in: Konflikte, schwierige Gespräche oder die Belastung eines anderen Menschen können uns berühren. Empathie im Beruf schafft Verbindung und Verständnis. Gleichzeitig stellt sie uns vor eine wichtige Frage: Wie können wir mitfühlen und trotzdem bei uns selbst bleiben?
Wie unmittelbar uns die Belastung eines anderen Menschen erreichen kann, zeigt eine Untersuchung von Engert et al. (2014). Dabei beobachteten 211 Personen einen anderen Menschen während einer psychosozialen Stresssituation. Obwohl sie selbst keinem Stressor ausgesetzt waren, entwickelte etwa jede vierte Person eine messbare Cortisolreaktion. Beobachteten die Teilnehmenden eine ihnen emotional nahestehende Person, zeigte sich diese empathische Stressreaktion sogar bei 40 Prozent.
Die Emotionen anderer können also etwas mit uns machen. Umso wichtiger ist es, unterscheiden zu können: Was nehme ich beim Gegenüber wahr? Was löst das in mir aus? Und welches Gefühl gehört eigentlich zu wem? Genau hier wird die Unterscheidung zwischen kognitiver und affektiver Empathie spannend.
Kognitive und affektive Empathie im Beruf
Empathie ist nicht gleich Empathie. Im Berufsalltag ist besonders die Unterscheidung zwischen affektiver und kognitiver Empathie hilfreich.
Affektive Empathie beschreibt das emotionale Mitschwingen mit einem anderen Menschen: Ich nehme seine Emotion wahr und erlebe selbst eine entsprechende emotionale Reaktion. Vereinfacht gesagt: „Ich fühle mit dir.“
Kognitive Empathie beschreibt dagegen die Fähigkeit, die Perspektive und den inneren Zustand eines anderen Menschen zu verstehen. Ich kann nachvollziehen, warum jemand enttäuscht, verärgert oder verunsichert ist, ohne dass ich dieselbe Emotion selbst erleben muss. Vereinfacht formuliert: „Ich verstehe, was in dir vorgeht.“
Dass es sich dabei um unterscheidbare Prozesse handelt, zeigen Kanske et al. (2016). Besonders interessant ist, dass eine starke emotionale Resonanz nicht automatisch bedeutet, einen anderen Menschen auch besonders gut zu verstehen. In emotional aufgeladenen Situationen kann starkes empathisches Miterleben die Fähigkeit zur Perspektivübernahme sogar beeinträchtigen.
Für den Berufsalltag liegt genau darin eine wichtige Kompetenz. Es geht nicht darum, weniger zu fühlen. Entscheidend ist, wahrnehmen und unterscheiden zu können: Was fühlt mein Gegenüber, was fühle ich selbst und was davon beeinflusst gerade mein Denken und Handeln? Diese Klarheit schafft die Grundlage dafür, empathisch zu bleiben, ohne sich in den Emotionen des anderen zu verlieren.
Wenn Mitfühlen zur eigenen Belastung wird
Mit den Emotionen anderer mitzuschwingen, ist zunächst nichts Problematisches. Schwierig kann es werden, wenn die emotionale Resonanz so stark wird, dass die Belastung des Gegenübers zunehmend zur eigenen Belastung wird. Dann kann aus Empathie empathischer Stress entstehen: Wir nehmen das Leid eines anderen wahr und geraten dabei selbst unter emotionalen Druck.
Wie relevant diese Unterscheidung ist, zeigt eine aktuelle Meta-Analyse von Maximiano-Barreto et al. (2026). Die Forschenden werteten 29 Studien mit Pflegefachpersonen aus. Dabei zeigte sich: Empathie an sich war nicht das Problem. Vor allem persönlicher empathischer Distress, also das eigene Belastetwerden angesichts der Emotionen und des Leidens anderer, stand mit stärkerem Burnout in Zusammenhang. Perspektivübernahme zeigte dagegen einen schwachen Zusammenhang mit geringerem Burnout.
Auch Klimecki et al. (2014) verdeutlichen, warum empathischer Distress und zugewandtes Mitgefühl voneinander unterschieden werden sollten. In ihrer Untersuchung führte ein Empathietraining angesichts des Leidens anderer zunächst zu stärkerem negativem Erleben. Ein anschließendes Mitgefühlstraining war dagegen mit mehr positiven Emotionen und veränderten neuronalen Reaktionen verbunden. Mit einem anderen Menschen mitzufühlen bedeutet also nicht zwangsläufig, selbst in seinem Leid aufgehen zu müssen.
Für mich liegt darin eine wichtige berufliche Kompetenz: Nähe zulassen und gleichzeitig die eigene emotionale Grenze wahrnehmen. Gerade wenn wir regelmäßig mit belasteten, verärgerten oder verzweifelten Menschen arbeiten, sollten wir erkennen können, wann aus Mitfühlen eigene Überforderung wird. Genau dafür brauchen wir wiederum die Fähigkeit, die eigenen Emotionen wahrzunehmen und einzuordnen.
Empathie braucht emotionale Intelligenz
Empathisch zu sein bedeutet für mich deshalb auch, die eigenen Emotionen gut wahrnehmen und von den Emotionen des Gegenübers unterscheiden zu können. Denn ein Gefühl, das während eines Gesprächs in mir entsteht, muss nicht zwangsläufig das Gefühl des anderen sein. Vielleicht berührt mich seine Situation, vielleicht erinnert sie mich an eigene Erfahrungen oder vielleicht werden persönliche Werte und Bedürfnisse angesprochen.
Genau hier kommt emotionale Intelligenz ins Spiel. Sie hilft uns, wahrzunehmen, was gerade emotional geschieht, die eigene Reaktion einzuordnen und trotzdem offen für das Erleben des anderen zu bleiben. Gerade im beruflichen Kontakt mit Menschen ist diese Unterscheidungsfähigkeit wichtig. Wer emotional sehr stark mit dem Gegenüber mitschwingt, kann möglicherweise die notwendige Klarheit verlieren. Wer sich dagegen emotional vollständig abschottet, verliert einen wichtigen Teil der zwischenmenschlichen Verbindung.
Professionelle Empathie braucht deshalb beides: die Fähigkeit, sich auf einen anderen Menschen einzulassen, und die Fähigkeit, bei sich selbst zu bleiben. Es geht um Nähe, ohne sich im Erleben des anderen zu verlieren, und um Abgrenzung, ohne dabei gleichgültig zu werden. Genau diese Balance macht Empathie zu einer wichtigen emotionalen Kompetenz im Berufsalltag.
Für Unternehmen ist Empathie im Beruf besonders dort relevant, wo Beschäftigte regelmäßig mit Menschen arbeiten, Konflikte begleiten oder Verantwortung für andere tragen. Wer empathisch wahrnimmt und gleichzeitig die eigenen emotionalen Reaktionen regulieren kann, schafft eine wichtige Voraussetzung dafür, auch in anspruchsvollen Situationen klar, ansprechbar und handlungsfähig zu bleiben. Genau deshalb gehören Empathie, Selbstwahrnehmung und Emotionsregulation aus meiner Sicht auch in eine zeitgemäße Führungskräfte- und Personalentwicklung.
Empathie wirkt auch in kleinen Momenten
Empathie muss dabei weder viel Zeit kosten noch aus großen Gesten bestehen. Oft zeigt sie sich in kleinen Momenten: aufmerksam zuhören, eine Emotion wahrnehmen, Verständnis ausdrücken oder einem Menschen vermitteln, dass seine Situation gesehen wird.
Wie wirksam bereits eine kurze empathische Kommunikation sein kann, zeigten Fogarty et al. (1999). In ihrer Untersuchung mit 210 Frauen ergänzten die Forschenden ein ärztliches Gespräch um eine nur etwa 40 Sekunden dauernde mitfühlende Äußerung. Diese kurze Intervention führte zu einer signifikanten Verringerung der Angst. Die Ärzt:innen wurden zudem als fürsorglicher und sensibler wahrgenommen.
Auch wenn die Studie aus dem medizinischen Kontext stammt, steckt darin ein wichtiger Gedanke für die Arbeit mit Menschen: Bei sich zu bleiben bedeutet nicht, distanziert oder kühl zu werden. Empathie kann sich bereits darin zeigen, einen Moment innezuhalten, zuzuhören und dem Gegenüber zu vermitteln: Ich nehme wahr, was gerade mit dir geschieht.
Gerade darin liegt für mich die Stärke professioneller Empathie: mitfühlen, ohne mitzuleiden, und zugewandt bleiben, ohne sich selbst in den Emotionen des anderen zu verlieren.
Fazit – Mitfühlen und bei sich bleiben
Wir Menschen sind emotionale Wesen. Gefühle gehören zu unserem Leben und zu jeder Begegnung mit anderen Menschen. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, Emotionen weder zu verdrängen noch von uns abzuspalten, sondern sie wahrzunehmen und als Teil unseres Erlebens anzunehmen.
Das gilt für die Gefühle unseres Gegenübers genauso wie für unsere eigenen Reaktionen darauf. Manchmal berührt uns das Erleben eines anderen stärker, als wir zunächst bemerken. Vielleicht nehmen wir Anspannung mit, werden selbst traurig oder merken erst später, dass ein Gespräch emotional viel Kraft gekostet hat. Das bedeutet für mich nicht, dass Empathie grundsätzlich zum Problem wird. Entscheidend ist, dass wir wahrnehmen, was gerade in uns geschieht und wann aus Mitfühlen eigene Belastung wird.
Genau hier gehören Empathie, emotionale Intelligenz und Selbstregulation zusammen. Wenn ich erkenne, dass die emotionale Belastung einer Begegnung gerade zu viel für mich wird, kann ich mich bewusst regulieren. Dafür muss ich meine eigene emotionale Reaktion weder wegdrücken noch bewerten. Ich darf sie zunächst wahrnehmen und anschließend überlegen, was ich gerade brauche.
Für Unternehmen bedeutet das: Empathie ist dann besonders wertvoll, wenn sie mit emotionaler Intelligenz und Selbstregulation verbunden ist. So bleibt menschliche Nähe möglich, ohne dass Beschäftigte ihre eigene emotionale Stabilität verlieren.
Vielleicht brauchen wir deshalb manchmal genau die Empathie, die wir anderen selbstverständlich entgegenbringen, auch für uns selbst. Mitfühlen und bei sich bleiben schließen sich nicht aus. Für mich gehören sie zusammen, wenn Empathie langfristig eine Stärke bleiben soll.
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Quellen
- Engert, V., Plessow, F., Miller, R., Kirschbaum, C., & Singer, T. (2014). Cortisol increase in empathic stress is modulated by emotional closeness and observation modality. Psychoneuroendocrinology, 45, 192–201. https://doi.org/10.1016/j.psyneuen.2014.04.005
- Fogarty, L. A., Curbow, B. A., Wingard, J. R., McDonnell, K., & Somerfield, M. R. (1999). Can 40 seconds of compassion reduce patient anxiety? Journal of Clinical Oncology, 17(1), 371–379. https://doi.org/10.1200/JCO.1999.17.1.371
- Kanske, P., Böckler, A., Trautwein, F. M., Parianen Lesemann, F. H., & Singer, T. (2016). Are strong empathizers better mentalizers? Evidence for independence and interaction between the routes of social cognition. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 11(9), 1383–1392. https://doi.org/10.1093/scan/nsw052
- Klimecki, O. M., Leiberg, S., Ricard, M., & Singer, T. (2014). Differential pattern of functional brain plasticity after compassion and empathy training. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 9(6), 873–879. https://doi.org/10.1093/scan/nst060
- Maximiano-Barreto, M. A., Raminelli, A. O., & Luchesi, B. M. (2026). Impact of subdomains of affective and cognitive empathy on burnout syndrome in nurses: A meta-analysis. International Nursing Review, 73(1), e70173. https://doi.org/10.1111/inr.70173