Stress gehört zu unserem Leben. Auch im Berufsalltag lässt er sich nicht vermeiden und das muss er auch gar nicht. Stress kann uns aktivieren, unsere Aufmerksamkeit bündeln und uns helfen, Herausforderungen zu bewältigen. Entscheidend ist, was passiert, wenn aus vorübergehender Anspannung ein dauerhafter Zustand wird.

In meiner langjährigen Arbeit in der Psychosomatik und Psychotherapie habe ich immer wieder Menschen erlebt, die über viele Jahre enorm leistungsfähig waren. Darunter waren auch Führungskräfte und Menschen in verantwortungsvollen Positionen, für die ein hohes Arbeitspensum, permanente Erreichbarkeit und großer Entscheidungsdruck längst zum Alltag gehörten. An diese hohe Stressdosis hatten sie sich scheinbar gewöhnt. Sie funktionierten, waren erfolgreich und konnten enorme Anforderungen bewältigen.

Doch genau darin liegt eine besondere Herausforderung: Anhaltende Belastung kann irgendwann so selbstverständlich werden, dass wir sie kaum noch als Belastung wahrnehmen. Erschöpfung wird übergangen, Pausen erscheinen als verlorene Zeit und Regeneration wird auf später verschoben, bis irgendwann die Konzentration nachlässt, der Schlaf weniger erholsam wird, die Reizbarkeit zunimmt oder selbst vertraute Aufgaben plötzlich mehr Kraft kosten.

Gutes Stressmanagement bedeutet deshalb nicht, Stress aus unserem Berufsleben zu verbannen. Es geht darum, Belastung frühzeitig wahrzunehmen und zu verstehen, dass Leistungsfähigkeit und Regeneration keine Gegensätze sind. Wer langfristig leistungsfähig bleiben möchte, braucht Phasen der Aktivierung ebenso wie Phasen der Erholung.

 

 

Dauerstress hat Folgen

Gerade leistungsfähige Menschen können hohe Belastungen oft erstaunlich lange kompensieren. Besonders in jüngeren Jahren entsteht dadurch schnell der Eindruck: Ich halte das aus. Ich kann das. Mir macht Stress nichts aus. Doch Belastbarkeit bedeutet nicht, dass dauerhafter Stress spurlos am Körper und an der Psyche vorbeigeht.

Genau hier hält sich in unserer leistungsorientierten Arbeitswelt ein gefährlicher Mythos: Wer unter permanentem Zeitdruck funktioniert, lange arbeitet und auch bei hoher Belastung zuverlässig Leistung bringt, gilt schnell als besonders belastbar und leistungsfähig. Stress wird damit beinahe zum Statussymbol. Unser Stresssystem ermöglicht es uns, bei Herausforderungen kurzfristig zusätzliche Energie zu mobilisieren und unsere Aufmerksamkeit auf deren Bewältigung auszurichten. Problematisch wird es, wenn aus Aktivierung ein Dauerzustand wird und ausreichende Erholung zunehmend fehlt.

Chronische berufliche Belastung kann auch für die körperliche Gesundheit relevant sein. In einer großen europäischen Individualdaten-Meta-Analyse war sogenannter Job Strain, also die Kombination aus hohen Arbeitsanforderungen und geringem Entscheidungsspielraum, mit einem erhöhten Risiko für koronare Herzkrankheit verbunden (Kivimäki et al., 2012).

Für einen gesunden Umgang mit beruflicher Belastung reicht es nicht aus, ausschließlich auf die individuelle Stresskompetenz zu schauen. Eine große Meta-Analyse zeigt, dass hohe Arbeitsanforderungen mit Burnout zusammenhängen, während Arbeitsressourcen wie Autonomie, Wissen und ein unterstützendes Arbeitsumfeld mit höherem Engagement und geringerem Burnout verbunden sind (Nahrgang et al., 2011).

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie viel Stress ein Mensch aushalten kann, sondern ob auf Belastung immer wieder ausreichende Regulation und Erholung folgen können.

 

 

Führung unter Stress

Führungskräfte stehen häufig unter besonderem Druck. Sie tragen Verantwortung, treffen Entscheidungen, begleiten Veränderungen, lösen Konflikte und sollen gleichzeitig für ihre Mitarbeitenden ansprechbar bleiben. Aus meiner beruflichen Erfahrung kenne ich viele Führungskräfte, die diese unterschiedlichen Rollen lange hervorragend bewältigen und dabei leicht übersehen: Auch wer Verantwortung für andere trägt, verfügt nicht über unbegrenzte Ressourcen.

Hinzu kommt die Wirkung auf das Team. Stress kann das Verhalten von Führungskräften beeinflussen, während Führungsverhalten und die Beziehung zu Mitarbeitenden wiederum mit deren Stress- und Burnouterleben zusammenhängen (Harms et al., 2017). Führungskräfte müssen deshalb sowohl die eigene Regulation als auch ihre Wirkung auf andere im Blick behalten.

Dass sie dabei gezielt unterstützt werden können, zeigen erste Forschungsergebnisse. Stressinterventionen für Führungskräfte weisen positive Effekte auf, auch wenn die Studienlage teilweise noch begrenzt ist (Erschens et al., 2024). Eine aktuelle Meta-Analyse zeigt zudem, dass gezieltes Stressmanagement unter anderem psychische Belastung reduzieren und Achtsamkeit fördern kann (Dannheim et al., 2025).

Gerade wer Verantwortung für andere übernimmt, braucht deshalb auch die Fähigkeit, die eigene Belastung wahrzunehmen, sich zu regulieren und rechtzeitig für Erholung zu sorgen.

 

 

Leistung braucht Pausen

Pausen haben in unserer leistungsorientierten Arbeitswelt teilweise einen erstaunlichen Imageschaden erlitten. Ich habe selbst immer wieder erlebt, wie Pausen kleingeredet oder sogar als Zeichen mangelnder Belastbarkeit betrachtet wurden: Jetzt bin ich gerade so gut im Arbeiten, warum sollte ich aufhören? Wer viel leistet, macht weiter. Wer eine Pause braucht, gilt schnell als weniger belastbar. Doch wir sind Menschen und keine Maschinen.

Pausen sind keine verlorene Arbeitszeit, sondern wichtige Phasen der Regeneration. Bereits Mikropausen von bis zu zehn Minuten können Müdigkeit reduzieren und die Vitalität erhöhen. Eine generelle Leistungssteigerung ließ sich zwar nicht nachweisen, die Wirkung auf die Leistung hängt jedoch unter anderem von Tätigkeit und Pausendauer ab (Albulescu et al., 2022).

Erholung beginnt allerdings nicht erst mit dem Feierabend und bedeutet mehr, als einfach nicht zu arbeiten. Psychologisches Abschalten, Entspannung und die Möglichkeit, über die eigene Freizeit bestimmen zu können, stehen mit Wohlbefinden und Erholung in Zusammenhang (Bennett et al., 2018). Wer nach der Arbeit mental besser Abstand gewinnen kann, berichtet zudem weniger Erschöpfung und Müdigkeit sowie besseres Wohlbefinden und günstigere Schlafwerte (Wendsche & Lohmann-Haislah, 2017).

Leistungsfähigkeit entsteht deshalb nicht durch pausenloses Funktionieren. Sie braucht den Wechsel zwischen Anspannung und Erholung. Pausen sind keine Schwäche, sondern ein Bestandteil nachhaltiger Leistungsfähigkeit.

 

Regulation braucht Grenzen

In einer Arbeitswelt, in der Leistungsbereitschaft einen hohen Stellenwert besitzt, lohnt sich manchmal ein kritischer Blick auf den eigenen Umgang mit sich selbst. Wie selbstverständlich übergehe ich Müdigkeit? Wie häufig verschiebe ich Erholung auf später? Und würde ich mit einem anderen Menschen genauso umgehen, wie ich es mit mir selbst tue? Gesundes Stressmanagement bedeutet auch, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und ernst zu nehmen.

Dass Arbeitszeit Grenzen braucht, ist keine willkürliche Idee unserer heutigen Arbeitswelt. Die Regelungen, die wir heute zu Arbeitszeiten, Ruhezeiten und Pausen haben, sind historisch gewachsen. Gerade die Erfahrungen seit der Industrialisierung haben gezeigt, welche Folgen es haben kann, wenn Menschen über lange Zeit im Takt von Arbeit und Maschine funktionieren sollen und ihre körperlichen und psychischen Grenzen dabei kaum berücksichtigt werden. Arbeitsschutz und Arbeitszeitbegrenzungen sind deshalb auch das Ergebnis eines gesellschaftlichen Lernprozesses: Wir wissen heute, dass menschliche Leistungsfähigkeit Erholung braucht und nicht unbegrenzt abrufbar ist.

Dass diese Grenzen gesundheitlich relevant sind, zeigen auch Untersuchungen zu sehr langen Arbeitszeiten. In gemeinsamen Analysen von WHO und ILO waren Arbeitszeiten von mindestens 55 Stunden pro Woche gegenüber 35 bis 40 Wochenstunden mit einem erhöhten Risiko für Schlaganfall und ischämische Herzkrankheit verbunden (Pega et al., 2021).

Doch Grenzen wahrzunehmen und nach Belastung wieder herunterzufahren, gelingt nicht immer automatisch. Gerade bei hohem beruflichem Stress kann es schwerfallen, nach Feierabend innerlich Abstand zu gewinnen. Die gute Nachricht: Psychologisches Abschalten lässt sich grundsätzlich fördern. Eine Meta-Analyse zeigt, dass gezielte Interventionen die Fähigkeit unterstützen können, sich mental von der Arbeit zu lösen (Karabinski et al., 2021).

Regeneration ist damit kein Luxus, den wir uns erst erlauben dürfen, wenn alles erledigt ist. Sie gehört zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Ressourcen. Denn langfristig leistungsfähig zu bleiben bedeutet auch, sich selbst als Menschen mit Bedürfnissen und Grenzen ernst zu nehmen.

 

Fazit – Erholung will gelernt sein

Ich glaube, dass wir in unserer heutigen Arbeits- und Lebenswelt ein Stück weit verlernt haben, uns wirklich zu erholen. Nach einem Arbeitstag, an dem wir viele Stunden auf einen Bildschirm geschaut haben, sitzen wir abends vor dem nächsten Bildschirm oder verbringen unsere freie Zeit am Smartphone. Wir scrollen, liken, konsumieren und suchen den nächsten kurzen Reiz. Doch nur weil wir gerade nicht arbeiten, bedeutet das noch lange nicht, dass wir uns auch erholen.

Erholung braucht einen echten Wechsel: Abstand gewinnen, den Kopf frei bekommen, den eigenen Körper wieder wahrnehmen und aus der permanenten Aktivierung herauskommen. Genau darin sehe ich einen wichtigen Bestandteil eines gesunden Stressmanagements.

Deshalb ist es mir auch in meinen Trainings wichtig, die eigene Wahrnehmung wieder zu schärfen. Wie geht es mir eigentlich gerade? Woran merke ich, dass mein persönliches Stresslevel erreicht ist? Was brauche ich, um wirklich herunterzufahren? Denn Menschen sind unterschiedlich. Wir verfügen über unterschiedliche Ressourcen, Belastungsgrenzen und Möglichkeiten zur Regulation. Achtsamkeit kann dabei helfen, diese Signale wieder früher wahrzunehmen und einen bewussteren Umgang mit den eigenen Ressourcen zu entwickeln. Es geht nicht darum, möglichst viel Stress aushalten zu können.  Es geht darum, sich selbst gut genug zu kennen, um zu wissen, wann Belastung genug ist und was einem wirklich hilft, wieder Kraft zu schöpfen.

Gutes Stressmanagement im Berufsalltag bedeutet deshalb nicht, Stress aus unserem Berufsleben zu verbannen.

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Quellen
  1. Albulescu, P., Macsinga, I., Rusu, A., Sulea, C., Bodnaru, A., & Tulbure, B. T. (2022). “Give me a break!” A systematic review and meta-analysis on the efficacy of micro-breaks for increasing well-being and performance. PLOS ONE, 17(8), e0272460. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0272460
  2. Bennett, A. A., Bakker, A. B., & Field, J. G. (2018). Recovery from work-related effort: A meta-analysis. Journal of Organizational Behavior, 39(3), 262–275. https://doi.org/10.1002/job.2217
  3. Wendsche, J., & Lohmann-Haislah, A. (2017). Detachment als Bindeglied zwischen psychischen Arbeitsanforderungen und ermüdungsrelevanten psychischen Beanspruchungsfolgen: Eine Metaanalyse. Zeitschrift für Arbeitswissenschaft, 71(1), 52–70. https://doi.org/10.1007/s41449-017-0044-0
  4. Karabinski, T., Haun, V. C., Nübold, A., Wendsche, J., & Wegge, J. (2021). Interventions for improving psychological detachment from work: A meta-analysis. Journal of Occupational Health Psychology, 26(3), 224–242. https://doi.org/10.1037/ocp0000280
  5. Pega, F., Náfrádi, B., Momen, N. C., Ujita, Y., Streicher, K. N., Prüss-Üstün, A. M., Descatha, A., Driscoll, T., Fischer, F. M., Godderis, L., Kiiver, H. M., Li, J., Magnusson Hanson, L. L., Rugulies, R., Sørensen, K., Woodruff, T. J., & Technical Advisory Group. (2021). Global, regional, and national burdens of ischemic heart disease and stroke attributable to exposure to long working hours for 194 countries, 2000–2016: A systematic analysis from the WHO/ILO Joint Estimates of the Work-related Burden of Disease and Injury. Environment International, 154, 106595. https://doi.org/10.1016/j.envint.2021.106595
  6. Kivimäki, M., Nyberg, S. T., Batty, G. D., Fransson, E. I., Heikkilä, K., Alfredsson, L., Bjorner, J. B., Borritz, M., Burr, H., Casini, A., Clays, E., De Bacquer, D., Dragano, N., Ferrie, J. E., Geuskens, G. A., Goldberg, M., Hamer, M., Hooftman, W. E., Houtman, I. L. D., … Theorell, T. (2012). Job strain as a risk factor for coronary heart disease: A collaborative meta-analysis of individual participant data. The Lancet, 380(9852), 1491–1497. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(12)60994-5
  7. Nahrgang, J. D., Morgeson, F. P., & Hofmann, D. A. (2011). Safety at work: A meta-analytic investigation of the link between job demands, job resources, burnout, engagement, and safety outcomes. Journal of Applied Psychology, 96(1), 71–94. https://doi.org/10.1037/a0021484
  8. Harms, P. D., Credé, M., Tynan, M., Leon, M., & Jeung, W. (2017). Leadership and stress: A meta-analytic review. The Leadership Quarterly, 28(1), 178–194. https://doi.org/10.1016/j.leaqua.2016.10.006
  9. Erschens, R., Adam, S. H., Schröpel, C., Diebig, M., Rieger, M. A., Gündel, H., Zipfel, S., Junne, F., & Herr, R. M. (2024). Improving well-being and fostering health-oriented leadership among leaders in small and medium-sized enterprises (SMEs): A systematic review. Healthcare, 12(4), 486. https://doi.org/10.3390/healthcare12040486
  10. Dannheim, I., Ludwig-Walz, H., Kirsch, H., Bujard, M., Buyken, A. E., Richardson, K. M., & Kroke, A. (2025). Effectiveness of leader-targeted stress management interventions: A systematic review and meta-analysis. Scandinavian Journal of Work, Environment & Health, 51(4), 265–281. https://doi.org/10.5271/sjweh.4219