Gerne werden sogenannte „weiche Themen“ wie Emotionen im Unternehmen übersehen oder sogar ganz ausgeblendet. Sich als Unternehmen gezielt mit Emotionen zu beschäftigen, scheint auf den ersten Blick vielleicht sogar abwegig. Schließlich geht es im Arbeitsalltag um Zahlen, Daten und Fakten, um klare Ist- und Soll-Zustände, definierte Ziele, Aufgaben und Ergebnisse.
Dahinter steckt häufig ein sehr mechanistisches Verständnis davon, wie Menschen miteinander arbeiten: Prozesse müssen funktionieren, Aufgaben erledigt und Ziele erreicht werden. Doch Unternehmen sind keine Maschinen. Hinter Entscheidungen, Kommunikation, Zusammenarbeit und Leistung stehen immer Menschen.
Menschen haben nun mal Emotionen. Selbst kurzfristige Emotionen können Entscheidungen über den eigentlichen emotionalen Moment hinaus beeinflussen. Andrade und Ariely (2009) zeigten, dass emotional geprägte Entscheidungen zum Ausgangspunkt weiterer Entscheidungen werden können, selbst wenn die ursprüngliche Emotion bereits abgeklungen ist.
Deshalb sind Emotionen für mich keine nebensächlichen „Soft Skills“. Sie gehören zu den grundlegenden Faktoren, die darüber mitentscheiden, wie gut ein Unternehmen funktioniert und sich entwickeln kann. Denn wo Menschen sich dauerhaft unwohl fühlen, unter emotionalem Druck stehen oder nicht gerne miteinander arbeiten, leiden früher oder später Zusammenarbeit, Gesundheit und Leistungsfähigkeit.
Wer möchte, dass sein Unternehmen wächst und sich nachhaltig entwickelt, sollte Emotionen deshalb nicht aus dem Arbeitskontext ausklammern. Emotionen sind kein weiches Randthema. Sie sind ein essenzieller Wirtschaftsfaktor.
Emotionale Intelligenz und beruflicher Erfolg
Ein Blick in die Forschung zeigt zwei spannende Ergebnisse, die die Bedeutung emotionaler Kompetenz für den beruflichen Erfolg besonders deutlich machen. Eine umfangreiche Meta-Analyse zeigt, dass emotionale Intelligenz mit beruflicher Leistung zusammenhängt. Menschen, die Emotionen bei sich und anderen besser wahrnehmen, verstehen und angemessen mit ihnen umgehen können, verfügen damit über Fähigkeiten, die auch für erfolgreiches Handeln im beruflichen Kontext relevant sind. Die Ergebnisse sprechen dafür, emotionale Intelligenz nicht als eine reine Zusatzqualifikation zu betrachten, sondern als einen Faktor, der einen eigenständigen Beitrag zur Erklärung von Arbeitsleistung leisten kann (O’Boyle et al., 2011).
Die Fähigkeit, Emotionen anderer Menschen zuverlässig zu erkennen, kann für den beruflichen Erfolg von Bedeutung sein. In der Studie sagte eine bessere Emotionserkennungsfähigkeit das Jahreseinkommen indirekt voraus: Der Zusammenhang verlief über soziale beziehungsweise interpersonelle Kompetenzen wie politisches Geschick und die Unterstützung durch andere Menschen. Die Ergebnisse unterstreichen damit, dass das Wahrnehmen emotionaler Signale eine beruflich relevante soziale Fähigkeit sein kann (Momm et al., 2015).
Emotionen im Team: Wenn es menschelt
Wo Menschen miteinander arbeiten, menschelt es. Denn Menschen bringen ihre Emotionen mit an den Arbeitsplatz. Freude, Begeisterung und Zuversicht gehören ebenso dazu wie Ärger, Frustration, Unsicherheit oder Anspannung. Diese Emotionen beeinflussen, wie wir miteinander kommunizieren, aufeinander reagieren und gemeinsam handeln.
Dabei bleiben Emotionen nicht bei der einzelnen Person. Sie können sich innerhalb eines Teams übertragen und dadurch die Zusammenarbeit einer ganzen Gruppe beeinflussen. Barsade konnte experimentell zeigen, dass eine positive emotionale Ansteckung mit mehr Kooperation, weniger Konflikten und einer günstigeren Einschätzung der Aufgabenleistung einherging. Die emotionale Atmosphäre eines Teams ist damit keineswegs nebensächlich für die gemeinsame Arbeit (Barsade, 2002).
Eine besondere Bedeutung kommt dabei Führungskräften zu. Auch ihre Stimmung kann sich auf Mitarbeitende und den emotionalen Grundton eines Teams übertragen. Eine positive Stimmung der Führungskraft stand in einer Untersuchung mit besserer Koordination und einer höheren Anstrengungsbereitschaft innerhalb der Gruppe in Verbindung (Sy et al., 2005). Das bedeutet keineswegs, dass Führungskräfte immer gut gelaunt sein oder negative Emotionen verbergen müssen. Entscheidend ist vielmehr ein bewusster und authentischer Umgang mit dem eigenen emotionalen Erleben. Wer die eigene Wirkung reflektieren und Emotionen angemessen regulieren kann, schafft damit auch wichtige Voraussetzungen für eine konstruktive Zusammenarbeit im Team. Dass es in Unternehmen menschelt, lässt sich also nicht verhindern. Entscheidend ist vielmehr, wie bewusst und kompetent mit den dabei entstehenden Emotionen umgegangen wird.
Kreativität und Innovation brauchen Emotionen
Gerade in unserer aktuell sehr schnelllebigen Arbeitswelt sind Unternehmen und Organisationen immer wieder mit Veränderungen und neuen Herausforderungen konfrontiert. Was gestern noch funktioniert hat, kann morgen bereits überholt sein. Zukunftsfähigkeit bedeutet deshalb auch, unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben, sich auf neue Situationen einzustellen, kritisch zu denken und kreative Lösungen entwickeln zu können. Anpassungsfähigkeit und Kreativität gehören damit zu den entscheidenden Kompetenzen unserer heutigen Arbeitswelt.
Das World Economic Forum bestätigt diese Entwicklung im Future of Jobs Report 2025. Neben technologischen Kompetenzen zählen Resilienz, Flexibilität und Agilität, Führung, kreatives Denken, Selbstwahrnehmung sowie Empathie und aktives Zuhören zu den zentralen Kompetenzen der heutigen und zukünftigen Arbeitswelt. Gerade in einer Arbeitswelt, in der sich Anforderungen immer schneller verändern, gewinnen damit Fähigkeiten an Bedeutung, die eng mit Selbstregulation, Zusammenarbeit und dem Umgang mit Emotionen verbunden sind (World Economic Forum, 2025).
Doch diese Fähigkeiten lassen sich nicht von unserem emotionalen Erleben trennen. Wer unter Veränderungsdruck ausschließlich mit Angst, Überforderung oder innerem Widerstand reagiert, hat andere Voraussetzungen für flexibles und kreatives Denken als jemand, der seine Emotionen wahrnehmen und regulieren kann. Genau hier zeigt sich erneut, warum Emotionen im Unternehmen kein nebensächliches Thema sind.
Amabile und Kolleg:innen untersuchten diesen Zusammenhang bei 222 Beschäftigten aus sieben Unternehmen. Dabei zeigte sich, dass positiver Affekt mit einer höheren kreativen Leistung verbunden war. Zeitversetzte Analysen deuteten zudem darauf hin, dass positive Emotionen kreatives Denken begünstigen können. Wer Kreativität und Innovation im Unternehmen fördern möchte, sollte deshalb auch die emotionalen Bedingungen berücksichtigen, unter denen Menschen arbeiten (Amabile et al., 2005).
Emotionale Arbeit, Burnout und Gesundheit
Wir verbringen einen erheblichen Teil unseres Tages und unserer Woche bei der Arbeit. Arbeit nimmt gerade in unserer leistungsorientierten Gesellschaft einen hohen Stellenwert ein. Sie sichert unseren Lebensunterhalt, kann Sinn und Zugehörigkeit vermitteln und ist für viele Menschen ein wichtiger Teil ihrer Identität. Gleichzeitig bedeutet die viele Zeit, die wir am Arbeitsplatz verbringen, auch: Was wir dort erleben, hat maßgeblichen Einfluss darauf, wie es uns geht.
Dabei geht es nicht allein um Arbeitsmenge, Zeitdruck oder körperliche Belastungen. Auch der Umgang mit Emotionen kann selbst zu einer beruflichen Anforderung werden. Besonders deutlich wird dies in Berufen, in denen Menschen unabhängig von ihrem tatsächlichen Befinden bestimmte Emotionen zeigen sollen. Freundlich bleiben, obwohl man verärgert ist. Ruhe ausstrahlen, obwohl man selbst angespannt ist. Verständnis zeigen, obwohl man vielleicht gerade erschöpft oder frustriert ist.
Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang von emotionaler Arbeit und emotionaler Dissonanz, wenn die nach außen gezeigten Emotionen nicht mit dem tatsächlichen inneren Erleben übereinstimmen. Eine große Meta-Analyse aus drei Jahrzehnten Forschung zeigt, dass insbesondere das oberflächliche Darstellen erwarteter Emotionen und emotionale Dissonanz mit ungünstigen Auswirkungen auf das Wohlbefinden und arbeitsbezogene Ergebnisse verbunden sind (Hülsheger & Schewe, 2011).
Wie relevant das für die berufliche Gesundheit und Leistungsfähigkeit sein kann, zeigt sich auch bei Berufsgruppen mit hohen zwischenmenschlichen Anforderungen. Bei Pflegefachpersonen und Polizeibeschäftigten hing emotionale Dissonanz mit Burnout und einer eingeschränkten beruflichen Leistungsfähigkeit zusammen (Bakker & Heuven, 2006). Eine Untersuchung mit 220 Flugbegleiter:innen zeigte ebenfalls, dass emotionale Dissonanz über klassische Arbeitsanforderungen hinaus mit emotionaler Erschöpfung und Depersonalisation zusammenhing (Heuven & Bakker, 2003).
Damit wird deutlich: Emotionen bleiben auch beim Thema Gesundheit kein privates Randthema, das vor der Unternehmenstür abgegeben werden kann. Wenn Menschen einen großen Teil ihres Lebens bei der Arbeit verbringen, prägen die emotionalen Anforderungen und Erfahrungen dieser Zeit auch ihr Wohlbefinden und ihre Arbeitsfähigkeit. Ein professioneller Umgang mit Emotionen gehört deshalb für mich zu einer gesundheitsförderlichen Arbeitswelt ebenso dazu wie der Blick auf Arbeitszeiten, Belastungen und notwendige Regeneration.
Emotionale Kompetenz in der Arbeitswelt von morgen
Die Arbeitswelt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Künstliche Intelligenz, Digitalisierung, wirtschaftliche Unsicherheit, geopolitische Veränderungen und demografische Entwicklungen verändern Tätigkeiten und Kompetenzanforderungen. Das World Economic Forum geht davon aus, dass bis 2030 strukturelle Veränderungen rund 22 % der heutigen Arbeitsplätze betreffen werden. Gleichzeitig gewinnen Resilienz, Flexibilität, Agilität und kreatives Denken weiter an Bedeutung (World Economic Forum, 2025).
Gleichzeitig zeigt der State of the Global Workplace 2026, dass weltweit lediglich 20 % der Beschäftigten engagiert bei der Arbeit waren. Stress, Ärger und Traurigkeit lagen 2025 weiterhin über dem Niveau vor der Pandemie (Gallup, 2026).
Für Unternehmen entsteht daraus eine doppelte Herausforderung: Sie brauchen Menschen, die flexibel, kreativ und handlungsfähig bleiben, müssen gleichzeitig aber Arbeitsbedingungen schaffen, unter denen diese Fähigkeiten überhaupt dauerhaft verfügbar bleiben können.
Fazit – Emotionale Kompetenz ist Zukunftskompetenz
Unternehmen brauchen Menschen, die sich auf Veränderungen einstellen können, auch unter Unsicherheit handlungsfähig bleiben, kritisch denken, unterschiedliche Perspektiven einnehmen und neue Lösungen entwickeln. Ebenso entscheidend ist die Fähigkeit, sich selbst zu regulieren und auch unter Belastung mit den eigenen Ressourcen verantwortungsvoll umzugehen. Viele dieser Fähigkeiten haben einen gemeinsamen Nenner: emotionale Kompetenz. Denn wie wir mit Veränderungen, Unsicherheit, Konflikten oder Belastungen umgehen, hängt wesentlich davon ab, wie gut wir unsere eigenen Emotionen wahrnehmen, verstehen und regulieren können. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, Emotionen anderer Menschen wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren.
Dass dies auch für Unternehmen ganz konkrete Bedeutung besitzt, zeigt eine Meta-Analyse von Miao und Kolleg:innen. Eine höhere emotionale Intelligenz war im Durchschnitt mit größerer Arbeitszufriedenheit und einer stärkeren Bindung an die Organisation sowie mit geringeren Kündigungsabsichten verbunden. Emotionale Kompetenz steht damit auch mit Faktoren in Zusammenhang, die für Motivation, Mitarbeiterbindung und Fluktuation von Bedeutung sind (Miao et al., 2017).
Für Unternehmen bedeutet das, emotionale Kompetenz nicht dem Zufall zu überlassen. Sie gehört ebenso in Führungskräfteentwicklung, Personalentwicklung und Gesundheitsförderung wie fachliche Weiterbildung. Denn die Fähigkeit, eigene Emotionen wahrzunehmen und zu regulieren, die emotionalen Signale anderer zu erkennen und auch unter Belastung handlungsfähig zu bleiben, kann gezielt entwickelt und trainiert werden. Führungskräfte brauchen ein Bewusstsein für ihre emotionale Wirkung, Mitarbeitende Möglichkeiten zur Selbstregulation und Teams einen Rahmen, in dem auch Belastungen und Konflikte konstruktiv angesprochen werden können.
Zukunftsfähigkeit entsteht deshalb nicht allein durch neue Technologien, effizientere Prozesse oder bessere Kennzahlen. Zukunftsfähige Unternehmen brauchen zukunftsfähige Menschen. Und sie brauchen Rahmenbedingungen, in denen Menschen ihre Fähigkeiten entwickeln, miteinander arbeiten und auch in Zeiten von Veränderung handlungsfähig bleiben können.
Die Frage für Unternehmen ist deshalb nicht, ob Emotionen im Unternehmen eine Rolle spielen, sondern wie professionell mit ihnen umgegangen wird. Emotionale Kompetenz ist deshalb für mich kein Soft Skill. Sie ist eine Zukunftskompetenz und ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor.
Emotionen bewusst verstehen. Potenziale gezielt entfalten.
Ob Sie Ihre emotionale Kompetenz stärken, sich persönlich weiterentwickeln oder Düfte professionell in Coaching, Therapie oder Pflege einsetzen möchten – entdecken Sie das Angebot, das zu Ihrem Anliegen passt.
Quellen
- Amabile, T. M., Barsade, S. G., Mueller, J. S., & Staw, B. M. (2005). Affect and creativity at work. Administrative Science Quarterly, 50(3), 367–403. https://doi.org/10.2189/asqu.2005.50.3.367
- Andrade, E. B., & Ariely, D. (2009). The enduring impact of transient emotions on decision making. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 109(1), 1–8.
- Bakker, A. B., & Heuven, E. (2006). Emotional dissonance, burnout, and in-role performance among nurses and police officers. International Journal of Stress Management, 13(4), 423–440. https://doi.org/10.1037/1072-5245.13.4.423
- Barsade, S. G. (2002). The ripple effect: Emotional contagion and its influence on group behavior. Administrative Science Quarterly, 47(4), 644–675.
- Heuven, E., & Bakker, A. B. (2003). Emotional dissonance and burnout among cabin attendants. European Journal of Work and Organizational Psychology, 12(1), 81–100. https://doi.org/10.1080/13594320344000039
- (2026). State of the global workplace: 2026 report. Gallup, Inc. State of the Global Workplace 2026
- Hülsheger, U. R., & Schewe, A. F. (2011). On the costs and benefits of emotional labor: A meta-analysis of three decades of research. Journal of Occupational Health Psychology, 16(3), 361–389.
- Miao, C., Humphrey, R. H., & Qian, S. (2017). A meta-analysis of emotional intelligence and work attitudes. Journal of Occupational and Organizational Psychology, 90(2), 177–202.
- Momm, T., Blickle, G., Liu, Y., Wihler, A., Kholin, M., & Menges, J. I. (2015). It pays to have an eye for emotions: Emotion recognition ability indirectly predicts annual income. Journal of Organizational Behavior, 36(1), 147–163. https://doi.org/10.1002/job.1975
- O’Boyle, E. H., Jr., Humphrey, R. H., Pollack, J. M., Hawver, T. H., & Story, P. A. (2011). The relation between emotional intelligence and job performance: A meta-analysis. Journal of Organizational Behavior, 32(5), 788–818. https://doi.org/10.1002/job.714
- Sy, T., Côté, S., & Saavedra, R. (2005). The contagious leader: Impact of the leader’s mood on the mood of group members, group affective tone, and group processes. Journal of Applied Psychology, 90(2), 295–305.
- World Economic Forum. (2025). The future of jobs report 2025. World Economic Forum. Future of Jobs Report 2025