Emotionen sind ein essenzieller Teil unseres Lebens, sie machen es bunt und lebenswert. Sie lassen uns vor Freude lachen, in der Trauer weinen oder vor Wut schreien. Emotionen sind die treibende Kraft hinter unseren Handlungen, sie führen uns zueinander oder lassen uns aus Angst erstarren. Grund genug, sich einmal die Frage zu stellen: Was genau sind Emotionen?
Das Wort Emotion kommt von lateinisch „motio“, was Bewegung heißt. Dies drückt aus, wie Emotionen normalerweise in uns wirken: Denn gesunde Emotionen kommen wie Wellen, durchfluten den Körper, und das Erleben ebbt wieder ab. Auch wenn Emotionen nur kurz andauern, haben sie einen starken Einfluss auf die alltäglichen Entscheidungen und Handlungen (Andrade & Ariely, 2009). Mit unseren Emotionen haben wir ein sehr schnelles Informationsverarbeitungssystem zur Verfügung (Tooby & Cosmides, 2008). Es ermöglicht uns, bei minimalem mentalen Energieeinsatz zu handeln und auch überlebensnotwendige Probleme zu lösen.
Wie entstehen Emotionen im Gehirn?
Unsere emotionalen Reaktionen sind im Laufe der Evolution entstanden und haben ihren Ursprung im limbischen System des Gehirns. Das limbische System ist eine Funktionseinheit im Gehirn und gehört zu den stammesgeschichtlich älteren Hirnarealen und liegt unterhalb der Großhirnrinde. Der Begriff „limbisches System“ leitet sich aus dem lateinischen Wort „limbus“ für „Saum, Rand“ ab. Das limbische System ist ein ausgedehntes neuronales Netzwerk, das sowohl corticale (in der Großhirnrinde liegende) sowie subkortikale Areale umfasst. Das bedeutet, dass beim Menschen das limbische System eng mit den etwas jüngeren kortikalen Bereichen verbunden ist, was die Möglichkeit gibt, die Emotionen nicht nur wahrzunehmen, sondern auch durch Gedanken zu beeinflussen. Es wird in der Forschung als Bereich der unbewussten Entstehung und Verarbeitung von Emotionen betrachtet.
Der Unterschied zwischen Emotionen und Gefühlen
Im Alltag verwenden wir beide Begriffe häufig gleichbedeutend. Doch Emotionen sind nicht gleich Gefühle, denn Emotionen sind komplexer als Gefühle. Sie beinhalten neben der körperlichen Empfindung (dem Gefühl) auch biologische, psychologische und soziale Komponenten. Biologisch bewirken sie Veränderungen im Gehirn und im vegetativen Nervensystem. Psychologisch beeinflussen sie z. B. Annäherungs- oder Vermeidungsverhalten. Sozial helfen sie, den emotionalen Zustand anderer zu erkennen, etwa durch Mimik (Matsumoto & Hwang, 2013).
Warum alle Emotionen wichtig sind
Fast jeder kennt solche Momente: Manchmal fühlen wir uns von unseren Emotionen regelrecht überwältigt. Vor allem Emotionen wie Angst, Schuld, Scham oder Trauer lasten schwer auf uns. Im Alltag aber auch in der Psychologie findet sich die Einteilung in positive und negative Emotionen. Eine Studie konnte zeigen: Betrachten wir Emotionen als negativ, so sinkt das Wohlbefinden, und Depressionen ebenso wie Angststörungen treten häufiger auf (Ford & Gross, 2018). Bei dieser eingeschränkten Sicht von negativ vs. positiv wird zudem ein wichtiger Grundsatz verdeckt: In jeder Emotion ruht die Kompetenz, uns auf ein wichtiges Bedürfnis hinzuweisen. Gesünder wäre für uns, wenn wir sie in angenehme und unangenehme Emotionen unterscheiden würden.
Je besser wir lernen, unsere Emotionen wahrzunehmen und zu verstehen, desto stärker entwickeln wir unsere emotionale Intelligenz. Sie bildet die Grundlage dafür, Gefühle angemessen wahrzunehmen, einzuordnen und bewusst mit ihnen umzugehen. Emotionen sind unsere ehrlichen Begleiter, sie sprechen direkt zu uns, ohne Worte. Vielleicht kennst Du das selbst: Du ärgerst Dich über eine Kleinigkeit und merkst erst später, dass dahinter eigentlich Enttäuschung oder Verletzung steckt. Genau deshalb lohnt es sich, hinter die erste emotionale Reaktion zu schauen. Emotionen sind die Sprache unserer Psyche und haben einen großen Einfluss auf unser tägliches Leben und unsere Gesundheit. Nicht selten steckt hinter Wut eigentlich Trauer, hinter einem Rückzug Angst oder hinter Perfektionismus die Sorge, nicht gut genug zu sein.
Warum das Verstehen von Emotionen so wichtig ist
Eine Meta-Analyse mehrerer Studien konnte zeigen: Wenn auch mit kleinem Effekt, so wirkt sich dennoch bereits die Aufklärung über die Natur psychischer und emotionaler Prozesse positiv auf das Wohlbefinden aus (Donker, Griffiths, Cuijpers & Christensen, 2009). Versteht man, wie das Gehirn z. B. bei Angst funktioniert, dann ist man mitfühlender sich selbst und auch anderen gegenüber (Miller, 2016). Dieses Verständnis ist zugleich eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende emotionale Regulation, denn nur was wir verstehen, können wir bewusst beeinflussen. Studien konnten zeigen, dass ein ausgeprägtes Wissen über Emotionen und deren innere Dynamik die Fähigkeit beeinflusst, sich in andere einzufühlen (Hooker, Verosky, Germine, Knight & D’Esposito, 2008). Wer versteht, warum eine Emotion entstanden ist, erlebt sie häufig nicht mehr als Gegner, sondern als wichtige Information über die eigenen Bedürfnisse.
Funktionale und dysfunktionale Emotionen
Jeder kennt Momente, in denen eine Emotion hilfreich ist, etwa wenn Angst uns vor einer Gefahr schützt. Problematisch wird es erst dann, wenn dieselbe Emotion unser Handeln bestimmt, obwohl längst keine reale Bedrohung mehr besteht. Wir sprechen hier von funktionalen Emotionen, die uns helfen, flexibel und angemessen zu reagieren. Sind Emotionen hingegen dysfunktional, sind sie übermäßig intensiv, langanhaltend oder auch situativ unpassend und unser Verhalten wird negativ beeinflusst.
Es gibt zwei Subformen von dysfunktionalen Emotionen: Blockierung und Übersteuerung. In beiden Fällen kann es zu einem sogenannten „Amygdala-Hijacking“ kommen, bei dem die Emotionen die Kontrolle übernehmen. Vielleicht kennst Du solche Momente: Die Wut kocht hoch und plötzlich fällt es schwer, noch klar zu denken. Die Übersteuerung führt typischerweise zu einem „mesolimbischen Hijacking“. Nehmen wir das Beispiel einer blockierten dysfunktionalen Emotion, wie Prüfungsangst, die zu einer Lernblockade oder einem Blackout führt. Das ist so, als ob der Generator überhitzt und die Leitung durchbrennt. Wir stehen sprichwörtlich „auf der Leitung“. Je stärker also die empfundene emotionale Intensität, desto stärker ist in der Regel auch die limbische Aktivierung und umgekehrt (Canli, Zhao, Brewer, Gabrieli & Cahill, 2000).
Alexithymie – wenn Gefühle keine Worte finden
Manche Menschen finden kaum Worte für das, was in ihnen vorgeht. Diese „Gefühlsblindheit“ mag harmlos klingen, ist es jedoch keineswegs. Sie spüren vielleicht eine innere Unruhe oder einen Druck in der Brust – doch sie können diese Empfindungen weder benennen noch einordnen. Dieses Phänomen wird als Alexithymie bezeichnet – wörtlich aus dem Griechischen übersetzt: „keine Worte für Gefühle“ (Sifneos, 1973). Studien zeigen, dass Betroffene nicht nur eine eingeschränkte Wahrnehmung ihrer eigenen Emotionen haben, sondern auch über einen deutlich reduzierten emotionalen Wortschatz verfügen (Wotschack & Klann-Delius, 2013). Es ist, als fehle ihnen die innere Landkarte, um sich im weiten Feld der Gefühle zu orientieren. Diese Form der Gefühlsblindheit bleibt nicht ohne Folgen: Sie erschwert die Regulation belastender Emotionen, begünstigt körperliche Beschwerden wie Bluthochdruck und steigert nachweislich das Risiko für ein Burnout (Dubey & Pandey, 2013; Mattila et al., 2007; Pandey, Saxena & Dubey, 2011).
Warum Emotionsmanagement so wichtig ist
Aus Studien heraus wurde bekannt, je besser wir die feinen Zwischentöne unserer Gefühle verstehen, desto leichter fällt es uns, Emotionen bei uns selbst und anderen Menschen klar zu benennen und einzuordnen (Erbas, Sels, Ceulemans & Kuppens, 2016; Israelashvili, Oosterwijk, Sauter & Fischer, 2019). Diese Fähigkeit ist ein wesentlicher Bestandteil emotionaler Kompetenz und emotionaler Intelligenz. Sie bildet die Grundlage einer erfolgreichen emotionalen Regulation. Emotionsmanagement-Strategien sind dann besonders wirksam, wenn Menschen überzeugt sind, ihre Emotionen beeinflussen zu können (Gutentag et al., 2017). Umgekehrt steigen das allgemeine Stressempfinden und sinkt das subjektive Wohlbefinden, wenn Personen glauben, ihre Emotionen nicht steuern zu können (Goldin et al., 2013). Im Alltag bedeutet das: Wer seine Emotionen besser versteht, reagiert seltener impulsiv, kann Konflikte gelassener lösen und trifft häufig bewusstere Entscheidungen.
Fazit – Warum Emotionen keine Feinde sind
Emotionen gehören untrennbar zu unserem Menschsein. Sie beeinflussen, wie wir denken, entscheiden, handeln und mit anderen Menschen in Beziehung treten. Sie sind weder gut noch schlecht – vielmehr tragen sie wichtige Informationen über unsere Bedürfnisse, Werte und Grenzen in sich. Je besser wir lernen, unsere Emotionen zu verstehen und ihre innere Dynamik zu erkennen, desto bewusster können wir mit ihnen umgehen, unsere emotionale Kompetenz stärken und eine gesunde emotionale Regulation entwickeln. Emotionen sind deshalb kein Hindernis auf dem Weg zu einem erfüllten Leben, sondern ein wertvoller Kompass. Wer ihre Sprache versteht, gewinnt nicht nur mehr Selbstverständnis und innere Stabilität, sondern schafft auch die Grundlage für gesunde Beziehungen, emotionale Intelligenz und nachhaltige persönliche Entwicklung.
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Quellen:
- Andrade, E. B., & Ariely, D. (2009). The enduring impact of transient emotions on decision making. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 109(1), 1-8. doi:10.1016/j.obhdp.2009.02.003
- Canli, T., Zhao, Z., Brewer, J., Gabrieli, J. D. E., & Cahill, L. (2000). Event-Related Activation in the Human Amygdala Associates with Later Memory for Individual Emotional Experience. The Journal of Neuroscience, 20(19), RC99. doi:10.1523/JNEUROSCI.20-19-j0004.2000
- Dubey, A., & Pandey, R. (2013). Mental health problems in alexithymia: Role of positive and negative emotional experiences. Journal of Projective Psychology & Mental Health, 20(2), 128-136.
- Donker, T., Griffiths, K. M., Cuijpers, P., & Christensen, H. (2009). Psychoeducation for depression, anxiety and psychological distress: a meta-analysis. BMC Med, 7, 79. doi:10.1186/1741-7015-7-79
- Erbas, Y., Sels, L., Ceulemans, E., & Kuppens, P. (2016). Feeling Me, Feeling You. Social Psychological and Personality Science, 7(3),240-247. doi:10.1177/1948550616633504
- Ford, B. Q., & Gross, J. J. (2018). Why Beliefs About Emotion Matter: An Emotion Regulation Perspective.
- Goldin, P., Jazaieri, H., Ziv, M., Dweck, C. S., & Gross, J. J. (2013). Beliefs About Emotion: Links to Emotion Regulation, Well-Being, and Psychological Distress AU – De Castella, Krista. Basic and Applied Social Psychology, 35(6), 497-505.doi:10.1080/01973533.2013.840632
- Gutentag, T., Halperin, E., Porat, R., Bigman, Y. E., & Tamir, M. (2017). Successful emotion regulation requires both conviction and skill: beliefs about the controllability of emotions, reappraisal, and regulation success. Cogn Emot, 31(6), 1225-1233.doi:10.1080/02699931.2016.1213704
- Hooker, C. I., Verosky, S. C., Germine, L. T., Knight, R. T., & D’Esposito, M. (2008). Mentalizing about emotion and its relationship to empathy. Soc Cogn Affect Neurosci, 3(3), 204-217. doi:10.1093/scan/nsn019
- Israelashvili, J., Oosterwijk, S., Sauter, D., & Fischer, A. (2019). Knowing me, knowing you: emotion differentiation in oneself is associated with recognition of others’ emotions. Cogn Emot, 33(7), 1461-1471. doi:10.1080/02699931.2019.1577221
- Mattila, A. K., Ahola, K., Honkonen, T., Salminen, J. K., Huhtala, H., & Joukamaa, M. (2007). Alexithymia and occupational burnout are strongly associated in working population. J Psychosom Res, 62(6), 657-665. doi:10.1016/j.jpsychores.2007.01.002
- Matsumoto, D., & Sung Hwang, H. (2013). Emotion Response System Coherence.
- Miller, R. (2016). Neuroeducation: Integrating Brain-Based Psychoeducation into Clinical Practice. Journal of Mental Health Counseling, 38(2), 103-115. doi:10.17744/mehc.38.2.02
- Pandey, R., Saxena, P., & Dubey, A. (2011). Emotion regulation difficulties in alexithymia and mental health. Europe’s Journal of Psychology, 7(4), 604-623.
- Sifneos, P. E. (1973). The Prevalence of ‘Alexithymic’ Characteristics in Psychosomatic Patients. Psychotherapy and Psychosomatics, 22(2-6), 255-262.
- Tooby, J., & Cosmides, L. (2008). The evolutionary psychology of the emotions and their relationship to internal regulatory variables.
- Wotschack, C., & Klann-Delius, G. (2013). Alexithymia and the conceptualization of emotions: A study of language use and semantic knowledge. Journal of Research in Personality, 47(5), 514-523. doi:https://doi.org/10.1016/j.jrp.2013.01.011