Leistung ist etwas Gutes. Sie bringt uns voran, lässt uns Ziele erreichen und kann uns ein starkes Gefühl von Selbstwirksamkeit geben. Gerade in unserer Arbeitswelt werden Menschen gebraucht, die Verantwortung übernehmen, engagiert sind und bereit sind, etwas zu bewegen.
In meiner Arbeit in der Psychosomatik und Psychotherapie habe ich allerdings immer wieder erlebt, dass genau diese Stärke irgendwann eine problematische Eigendynamik entwickeln kann. Besonders eindrücklich waren für mich Menschen, die beruflich ausgesprochen leistungsfähig waren und lange Zeit hervorragend funktioniert hatten. Sie waren belastbar, zuverlässig, übernahmen Verantwortung und schafften häufig noch das, was andere längst abgegeben hätten.
Aber wann wird aus „Ich kann viel leisten“ eigentlich „Ich muss viel leisten“?
Genau an dieser Stelle wird es spannend. Denn manchmal geht es längst nicht mehr allein um die Arbeit. Leistung kann mit Anerkennung verbunden sein, mit dem Gefühl, gebraucht zu werden, mit hohen Ansprüchen an sich selbst oder mit dem eigenen Selbstwert. Gleichzeitig kann es schwerer fallen, Grenzen zu setzen, Aufgaben abzugeben oder eine Pause zu machen, ohne dabei schon wieder an das zu denken, was noch erledigt werden müsste.
Und irgendwann entsteht eine paradoxe Situation: Je stärker die eigene Leistungsfähigkeit nachlässt, desto mehr versucht ein Mensch, sie durch noch mehr Einsatz aufrechtzuerhalten.
Burnout-Prävention am Arbeitsplatz bedeutet für mich deshalb auch, früher und genauer hinzuschauen. Nicht erst auf die Erschöpfung, sondern auf die eigene Beziehung zu Leistung, Anerkennung, Grenzen und Regeneration. Denn genau dort können Dynamiken entstehen, die uns sehr lange antreiben und irgendwann sehr viel Kraft kosten.
Burnout richtig einordnen
Burnout wird in Deutschland nicht als eigenständige psychische Erkrankung klassifiziert. In der aktuell geltenden ICD-10-GM wird „Ausgebranntsein [Burn-out]“ unter Z73 den „Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ zugeordnet und damit nicht als eigenständige psychische Störung klassifiziert. Das ist eine wichtige Unterscheidung, denn hinter starker Erschöpfung können unterschiedliche psychische oder körperliche Erkrankungen stehen, die fachlich abgeklärt werden müssen.
Wenn Leistung zum Maßstab des eigenen Wertes wird
Gerade bei Menschen, die lange Zeit sehr leistungsfähig sind und hohe Ansprüche an sich selbst stellen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn hohe Leistungsbereitschaft ist nicht das Problem. Entscheidend ist, welcher innere Druck damit verbunden ist und welche Bedeutung die eigene Leistung bekommt.
Eine Meta-Analyse mit fast 10.000 Teilnehmenden zeigt, dass insbesondere perfektionistische Sorgen, starke Fehlerängste und das Gefühl, Erwartungen erfüllen zu müssen, mit Burnout zusammenhängen. Hohe Ansprüche allein sind also nicht automatisch problematisch. Kritischer kann es werden, wenn die eigene Leistung permanent hinterfragt wird und Fehler zunehmend als persönliches Versagen erlebt werden (Hill & Curran, 2016).
Doch damit kommen wir zu einer noch tiefer liegenden Frage: Was passiert, wenn Leistung zunehmend darüber entscheidet, wie wertvoll wir uns selbst erleben? Wenn Anerkennung, das Gefühl gebraucht zu werden oder der eigene Selbstwert immer stärker daran gekoppelt sind, etwas zu leisten, kann es schwerfallen, rechtzeitig Grenzen zu ziehen. Eine Längsschnittstudie zeigte einen engen Zusammenhang zwischen einem solchen leistungsabhängigen Selbstwert und der Entwicklung von Burnout-Symptomen (Blom, 2012).
Wenn Aufhören und Abgrenzen schwerfällt
Leistungsfähigkeit bedeutet für mich auch, manchmal Fünfe gerade sein lassen zu können und zu wissen, wann es sinnvoll ist, wirklich abzuschalten. Nicht jede Aufgabe muss sofort erledigt werden, nicht jedes Problem braucht heute noch eine Lösung und nicht jede zusätzliche Verantwortung muss übernommen werden.
Natürlich ist nicht jede lange Arbeitswoche automatisch Workaholism. Problematisch kann es dort werden, wo Arbeit zunehmend von innerem Druck und dem Gefühl bestimmt wird, ständig weitermachen zu müssen. Abschalten fällt schwer, die Gedanken bleiben bei der Arbeit und selbst in eigentlich freien Zeiten entsteht das Gefühl, noch etwas leisten oder erledigen zu müssen. Genau diese Dynamik findet sich auch in der Forschung. Eine Meta-Analyse zeigt deutliche Zusammenhänge von Workaholism mit Burnout, erhöhtem Arbeitsstress und Konflikten zwischen Arbeit und Privatleben (Clark et al., 2016).
Regeneration braucht deshalb auch die Fähigkeit, eine Grenze zu ziehen und Arbeit tatsächlich Arbeit sein zu lassen.
Wenn Emotionen Teil der Arbeit sind
In vielen Berufen gehört der Umgang mit Emotionen selbstverständlich zum Arbeitsalltag. Pflegefachkräfte, Therapeut:innen oder Führungskräfte müssen auf andere Menschen eingehen, schwierige Situationen aushalten und professionell reagieren. Diese emotionale Arbeit wird leicht unterschätzt, weil man sie von außen kaum sieht.
Besonders belastend kann es werden, wenn die eigenen Gefühle und das, was beruflich gezeigt werden soll, dauerhaft auseinanderliegen. Bei Flugbegleiter:innen zeigte sich ein Zusammenhang zwischen dieser emotionalen Dissonanz und emotionaler Erschöpfung sowie Depersonalisation (Heuven & Bakker, 2003). Eine aktuelle Meta-Analyse bestätigt die Bedeutung dieser Zusammenhänge: Emotionale Arbeit war mit Burnout verbunden, während höhere emotionale Intelligenz mit geringerem Burnout zusammenhing (Chen et al., 2024).
Damit wird emotionale Kompetenz auch zu einem wichtigen Baustein der Burnout-Prävention.
Burnout-Prävention braucht gute Arbeitsbedingungen
So wichtig Selbstwahrnehmung, Abgrenzung und emotionale Kompetenz sind: Burnout-Prävention darf die Verantwortung nicht allein beim einzelnen Menschen abladen. Eine große Untersuchung unter Ärzt:innen zeigte beispielsweise, dass diese im Durchschnitt sogar höhere Resilienzwerte als die allgemeine arbeitende Bevölkerung aufwiesen und dennoch auch unter besonders resilienten Ärzt:innen Burnout auftrat (West et al., 2020). Persönliche Ressourcen können schützen, sie können dauerhaft ungünstige Arbeitsbedingungen jedoch nicht einfach ausgleichen.
Achtsamkeit und Burnout-Prävention
Achtsamkeit kann ein wirksamer Baustein der Burnout-Prävention am Arbeitsplatz sein. Das zeigt eine umfangreiche Meta-Analyse von 56 randomisiert-kontrollierten Studien mit insgesamt 5.161 Beschäftigten. Untersucht wurden unterschiedliche achtsamkeitsbasierte Programme, darunter MBSR, Meditation und weitere Achtsamkeitstrainings. Die Ergebnisse zeigen positive Effekte auf verschiedene gesundheitsbezogene Faktoren: Wahrgenommener Stress, Burnout, psychische Belastung und körperliche Beschwerden gingen zurück. Gleichzeitig verbesserten sich unter anderem Wohlbefinden, Achtsamkeit, Mitgefühl und Arbeitszufriedenheit (Vonderlin et al., 2020).
Besonders deutlich waren die Verbesserungen beim wahrgenommenen Stress sowie beim Wohlbefinden und der Lebenszufriedenheit. Auch für Burnout zeigten sich signifikante positive Effekte, die teilweise bis etwa drei Monate nach Abschluss der Programme nachweisbar waren. Achtsamkeit ist damit kein Allheilmittel gegen Burnout und ersetzt keine gesunden Arbeitsbedingungen. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass Achtsamkeit am Arbeitsplatz einen wissenschaftlich fundierten Beitrag zur Stressreduktion und Burnout-Prävention leisten kann (Vonderlin et al., 2020).
Fazit – Leistung braucht Selbstwahrnehmung
Leistung, Verantwortung und hohe Ansprüche sind für mich nichts Negatives. Im Gegenteil: Sie können uns wachsen lassen, Selbstwirksamkeit vermitteln und dazu beitragen, dass wir etwas bewegen. Entscheidend wird jedoch, ob wir noch selbst bestimmen, wann und wie viel wir leisten oder ob längst ein inneres „Ich muss“ daraus geworden ist.
Genau hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Wie stark hängt mein Selbstwert an meiner Leistung? Kann ich Fehler zulassen, Verantwortung abgeben und wirklich abschalten? Oder gibt es einen inneren Antreiber, der immer noch mehr fordert, selbst wenn Energie und Kraft längst nachlassen? Gerade dieses innere Getriebensein kann dazu führen, die eigenen Grenzen immer weniger wahrzunehmen. Man funktioniert weiter, übernimmt noch eine Aufgabe und versucht vielleicht sogar, nachlassende Leistungsfähigkeit durch noch mehr Einsatz auszugleichen. Was lange wie besondere Belastbarkeit aussieht, kann so auf Dauer zu einem problematischen Umgang mit den eigenen Ressourcen werden.
Burnout-Prävention bedeutet für mich deshalb mehr als Stress zu reduzieren. Sie bedeutet, die eigene Wahrnehmung zu schärfen, persönliche Muster und innere Antreiber zu verstehen und einen gesunden Umgang mit Leistung, Emotionen, Grenzen und Regeneration zu entwickeln. Gleichzeitig brauchen Menschen Arbeitsbedingungen, die genau das ermöglichen.
Vielleicht ist deshalb nicht die entscheidende Frage, wie viel wir leisten können. Sondern ob wir noch spüren, wann es genug ist.
Emotionen bewusst verstehen. Potenziale gezielt entfalten.
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Quellen
Blom, V. (2012). Contingent self-esteem, stressors and burnout in working women and men. Work, 43(2), 123–131. https://doi.org/10.3233/WOR-2012-1366
Clark, M. A., Michel, J. S., Zhdanova, L., Pui, S. Y., & Baltes, B. B. (2016). All work and no play? A meta-analytic examination of the correlates and outcomes of workaholism. Journal of Management, 42(7), 1836–1873. https://doi.org/10.1177/0149206314522301
Chen, Y.-C., Huang, Z.-L., & Chu, H.-C. (2024). Relationships between emotional labor, job burnout, and emotional intelligence: An analysis combining meta-analysis and structural equation modeling. BMC Psychology, 12, 672. https://doi.org/10.1186/s40359-024-02167-w
Heuven, E., & Bakker, A. B. (2003). Emotional dissonance and burnout among cabin attendants. European Journal of Work and Organizational Psychology, 12(1), 81–100. https://doi.org/10.1080/13594320344000039
Hill, A. P., & Curran, T. (2016). Multidimensional perfectionism and burnout: A meta-analysis. Personality and Social Psychology Review, 20(3), 269–288. https://doi.org/10.1177/1088868315596286
Vonderlin, R., Biermann, M., Bohus, M., & Lyssenko, L. (2020). Mindfulness-based programs in the workplace: A meta-analysis of randomized controlled trials. Mindfulness, 11(7), 1579–1598. https://doi.org/10.1007/s12671-020-01328-3
West, C. P., Dyrbye, L. N., Sinsky, C., Trockel, M., Tutty, M., Nedelec, L., Carlasare, L. E., & Shanafelt, T. D. (2020). Resilience and burnout among physicians and the general US working population. JAMA Network Open, 3(7), e209385. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2020.9385