Wir Menschen brauchen andere Menschen. Nähe, Zugehörigkeit und verlässliche Beziehungen gehören zu den grundlegenden Bedürfnissen unseres Lebens. Baumeister und Leary (1995) beschreiben das Bedürfnis nach Zugehörigkeit als eine fundamentale menschliche Motivation. Auch Klaus Grawe zählt Bindung zu den zentralen psychischen Grundbedürfnissen und misst unseren frühen und späteren Beziehungserfahrungen eine wesentliche Bedeutung für psychisches Erleben und Wohlbefinden bei. Genau diese Verbindung von Vanille und Bindung steht im Mittelpunkt dieses Artikels.

Wie weitreichend soziale Verbundenheit ist, zeigt die große Metaanalyse von Holt-Lunstad et al. (2010). In 148 Studien mit insgesamt mehr als 300.000 Menschen waren tragfähige soziale Beziehungen mit einer rund 50 Prozent höheren Überlebenswahrscheinlichkeit verbunden. Bindung ist damit weit mehr als das angenehme Gefühl, nicht allein zu sein. Sie gehört zu den Bedingungen, unter denen Menschen sich sicher, verbunden und psychisch stabil erleben können.

Vielleicht erklärt das auch, warum Konflikte mit Menschen, die uns wichtig sind, so belastend sein können. Ob in einer Partnerschaft, in der Familie, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz: Gerät eine bedeutsame Beziehung ins Wanken, geht es häufig um mehr als den eigentlichen Streitpunkt. Zurückweisung, Abwertung oder die Sorge, Verbindung und Zugehörigkeit zu verlieren, können erheblichen Stress auslösen. Forschungen zum sogenannten sozialen Schmerz zeigen, dass soziale Ausgrenzung und Zurückweisung teilweise mit Aktivierungen in Hirnregionen verbunden sind, die auch an der Verarbeitung körperlichen Schmerzes beteiligt sind.

 

Wenn Bindung ins Wanken gerät

In meiner Arbeit in Psychiatrie und Psychosomatik begegnet mir diese Verbindung zwischen Beziehung und emotionalem Erleben seit vielen Jahren. Dabei zeigt sich Bindung in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen. Eine Partnerschaft kann betroffen sein, die Beziehung zu Eltern oder Kindern, Freundschaften, aber ebenso die Zugehörigkeit und das Miteinander am Arbeitsplatz.

Gerade in diesem Bereich hat Vanille für mich über die Jahre eine besondere Stellung bekommen. In Psychiatrie und Psychosomatik habe ich immer wieder erlebt, wie hoch die Akzeptanz dieses warmen, weichen und einhüllenden Duftes ist. Bei jüngeren und älteren Menschen, bei Frauen und Männern wurde Vanille erstaunlich häufig gerne angenommen. Besonders dort, wo Trauer, Verlust, Konflikte oder andere Beziehungsthemen eine Rolle spielten, habe ich ihren Duft als wertvolle Ressource erlebt.

Darin liegt für mich eine besondere Qualität der Vanille. Sie löst keinen Konflikt und nimmt keine Trauer. Sie kann aber etwas Warmes und Haltgebendes anbieten, wenn emotional gerade vieles ins Wanken geraten ist. Genau deshalb verbinde ich Vanille in meiner Arbeit so eng mit dem Grundbedürfnis nach Bindung.

 

Vanille auf La Réunion – dem Duft auf der Spur

Eine meiner eindrücklichsten Duft-Reisen führte mich 2015 auf La Réunion zu einer Vanilleplantage. Dort konnte ich erleben, was hinter einem Duft steckt, den wir hier ganz selbstverständlich kennen. Vanille war plötzlich nicht mehr das vertraute Aroma aus Küche oder Aromakunde. Vor mir stand eine Orchidee, deren Anbau viel Geduld, Erfahrung und vor allem Handarbeit verlangt. Diese Begegnung hat meine Wahrnehmung von Vanille nachhaltig verändert.

Vanilla planifolia stammt ursprünglich aus Mexiko. In vielen heutigen Anbaugebieten fehlen ihre natürlichen Bestäuber, weshalb die Blüten von Hand bestäubt werden müssen. La Réunion besitzt dabei eine besondere Geschichte: 1841 entwickelte der erst zwölfjährige Edmond Albius auf der Insel eine einfache Methode zur Handbestäubung der Vanilleblüte und legte damit eine wichtige Grundlage für den erfolgreichen Vanilleanbau außerhalb Mexikos.

Auch nach der Ernte braucht es Zeit. Die grünen Früchte besitzen zunächst noch nicht den Duft, den wir mit Vanille verbinden. Erst durch die aufwendige Verarbeitung und Fermentation entwickelt sich ihr charakteristisches Aroma. Für die Aromakunde ist außerdem wichtig: Vanille liefert kein klassisches wasserdampfdestilliertes ätherisches Öl. Verwendet werden Extrakte beziehungsweise Absolues aus den verarbeiteten Früchten.

Auf La Réunion habe ich Vanille damit von einer anderen Seite kennengelernt. Hinter ihrem weichen, vertrauten Duft stehen eine empfindliche Pflanze, viel Handarbeit und eine lange Verarbeitung. Diese Erfahrung gehört für mich bis heute dazu, wenn ich mit Vanille arbeite: Ich kenne nicht nur den Duft und seine Anwendung, sondern auch ein Stück seiner Herkunft und die Arbeit, die hinter ihm steht.

 

Vanille als emotionale Ressource

Für mich ist Vanille heute weit mehr als ein angenehmer Duft. Meine Erfahrungen aus Psychiatrie und Psychosomatik, die Arbeit mit Düften im Coaching und die Begegnung mit der Pflanze auf La Réunion haben meinen Blick darauf geprägt, wie unterschiedlich ein Duft genutzt werden kann. Entscheidend ist dabei für mich nicht zuerst die Frage nach einer bestimmten Wirkung, sondern: Was braucht ein Mensch in diesem Moment, um wieder gut mit seinen Emotionen umgehen zu können?

Gerade bei Konflikten ist diese Frage wichtig. Im Vordergrund kann Ärger stehen, während gleichzeitig Nähe, Zugehörigkeit oder Sicherheit berührt sind. Vanille kann dann eine Ressource sein, die einen Gegenpol anbietet und dabei unterstützt, wieder etwas stabiler auf die Situation zu schauen. Das Problem selbst löst der Duft nicht. Aber er kann einen Zustand unterstützen, aus dem heraus wieder mehr Wahrnehmung, Regulation und Handlungsspielraum möglich werden.

 

Fazit – Vanille als Ressource für mehr inneren Halt

Konflikte zeigen für mich sehr deutlich, warum emotionale Kompetenz mehr bedeutet, als Ärger, Trauer oder Verletzung möglichst schnell zu regulieren. Manchmal lohnt sich zuerst die Frage: Was ist mir hier eigentlich so wichtig, dass mich diese Situation so sehr berührt? Nicht selten führt die Antwort zu unseren Beziehungen und damit zu einem grundlegenden Bedürfnis nach Nähe, Zugehörigkeit und Sicherheit.

Genau an dieser Stelle hat Vanille für mich über die Jahre ihren besonderen Platz gefunden. Nicht als Lösung für ein Beziehungsthema und auch nicht als Duft, der bei jedem Menschen dasselbe auslöst. Sondern als mögliche Ressource, wenn emotional wieder etwas mehr Wärme, Halt und Boden gebraucht werden.

Meine Duft-Reise nach La Réunion hat diesem vertrauten Duft zusätzlich eine Pflanze, eine Herkunft und die enorme Arbeit hinter seiner Verarbeitung gegeben. Vielleicht ist genau diese Verbindung das, was Vanille für mich so besonders macht: Sie erinnert daran, wie wertvoll Bindung ist und wie hilfreich ein kleiner sensorischer Impuls sein kann, wenn genau diese Bindung ins Wanken geraten ist.

Emotionen bewusst verstehen. Potenziale gezielt entfalten.

Ob Sie Ihre emotionale Kompetenz stärken, sich persönlich weiterentwickeln oder Düfte professionell in Coaching, Therapie oder Pflege einsetzen möchten – entdecken Sie das Angebot, das zu Ihrem Anliegen passt.

Quellen
  1. Baumeister, R. F., & Leary, M. R. (1995). The need to belong: Desire for interpersonal attachments as a fundamental human motivation. Psychological Bulletin, 117(3), 497–529. https://doi.org/10.1037/0033-2909.117.3.497
  2. Eisenberger, N. I., Lieberman, M. D., & Williams, K. D. (2003). Does rejection hurt? An fMRI study of social exclusion. Science, 302(5643), 290–292. https://doi.org/10.1126/science.1089134
  3. Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Hogrefe.
  4. Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., & Layton, J. B. (2010). Social relationships and mortality risk: A meta-analytic review. PLOS Medicine, 7(7), Article e1000316. https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1000316