Jeder Mensch trägt verschiedene Kraftquellen in sich. Sie bilden die Grundlage dafür, gesund zu bleiben, zu wachsen, Beziehungen zu gestalten und Herausforderungen zu bewältigen. Manche dieser Kraftquellen begleiten uns ein Leben lang, andere entwickeln sich erst durch Erfahrungen, Begegnungen oder persönliche Entwicklung. Oftmals sind sie uns bewusst und wir haben, wenn sie aktiviert sind, Zugriff auf sie. Manchmal geraten sie jedoch in den Hintergrund und scheinen in belastenden Zeiten kaum noch erreichbar.
In der Psychologie, Psychotherapie, Neurobiologie, Pflege und im Coaching hat sich deshalb in den vergangenen Jahrzehnten ein Begriff etabliert, der genau diese Kraftquellen beschreibt: Ressourcen.
Ressourcen sind weit mehr als Fähigkeiten oder Talente. Sie sind all das, was uns innerlich stärkt, in schweren Zeiten Orientierung gibt und unsere persönliche Entwicklung unterstützt. Ressourcen helfen uns nicht erst dann, wenn wir Krisen bewältigen müssen. Sie begleiten uns auch jeden Tag. Sie beeinflussen, wie wir denken, fühlen, handeln und mit anderen Menschen in Beziehung treten. Je besser wir unsere Ressourcen kennen und nutzen, desto leichter gelingt es uns, unser Leben aktiv und selbstbestimmt zu gestalten.
Was verstehen wir unter Ressourcen?
Verschiedene Fachrichtungen haben den Begriff unterschiedlich definiert. Verbindend ist eine gemeinsame Grundidee: Menschen verfügen bereits über zahlreiche Kraftquellen, die sie für ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben nutzen können. Dazu passt eine, wie ich finde, besonders wohlwollende Grundannahme über Ressourcen. Sie stammt aus dem Neurolinguistischen Programmieren (NLP):
„Menschen besitzen alle Ressourcen in sich, die sie für Veränderung brauchen.“
Menschen tragen bereits mehr Stärke in sich, als ihnen häufig bewusst ist. Daher schätze ich diese Haltung sehr, denn sie geht davon aus, dass Menschen grundsätzlich lern- und entwicklungsfähig sind. Veränderung entsteht, indem bereits vorhandene Ressourcen wieder zugänglich werden.
Ressourcen können sowohl außerhalb als auch innerhalb eines Menschen liegen. Zu den äußeren Ressourcen zählen beispielsweise unterstützende Beziehungen, Natur, Bewegung, Musik, Hobbys, sichere Orte oder erholsamer Schlaf.
Ebenso wichtig sind jedoch die inneren Ressourcen. Hierzu gehören Erinnerungen, persönliche Erfahrungen, Fähigkeiten, Kompetenzen, Werte, Überzeugungen und insbesondere unsere Emotionen. Innere Ressourcen begleiten uns überall. Sie bilden die Grundlage unserer psychischen Flexibilität und beeinflussen maßgeblich, wie wir denken, fühlen und handeln.
Ressourcen sind innere oder äußere Reize, Erfahrungen und Emotionen, die im Gehirn positiv bewertete neuronale Erregungsmuster aktivieren. Diese neuronalen Netzwerke stehen mit der Erfüllung der von Klaus Grawe beschriebenen psychischen Grundbedürfnisse in Verbindung. Werden sie aktiviert, werden wir ruhiger, fühlen uns sicherer und verbundener, vertrauen stärker in unsere eigenen Fähigkeiten und können Herausforderungen klarer und handlungsfähiger begegnen.
Trotz unterschiedlicher Definitionen verbindet alle Ansätze dieselbe Überzeugung:
Veränderung gelingt leichter, wenn Menschen Zugang zu ihren vorhandenen Ressourcen finden.
Ressourcen verändern Gehirn und Körper
Ressourcen unterscheiden sich nicht nur inhaltlich von Problemen, sondern auch in ihrer Wirkung auf unser Gehirn und unseren Körper. Während Probleme häufig mit Anspannung, Unsicherheit und Vermeidung verbunden sind, gehen aktivierte Ressourcen mit einem völlig anderen Erleben einher. Aus neurobiologischer Sicht werden beim Zugriff auf Ressourcen andere neuronale Netzwerke aktiviert. Es kommt zu einer verstärkten Ausschüttung von Neurotransmittern und Hormonen, die mit Motivation, Lernen und Wohlbefinden verbunden sind. Gleichzeitig wird das Belohnungssystem aktiviert und unsere Annäherungsmotivation gestärkt. Neurobiologisch zeigt sich dabei eine verstärkte Aktivität im linken Frontallappen, der unter anderem mit lösungsorientiertem Denken, positiven Emotionen und zielgerichtetem Handeln in Verbindung gebracht wird. Ressourcen helfen uns nur, wenn wir im richtigen Moment auf sie zugreifen können. Genau darum geht es in der Ressourcenarbeit. Achtsamkeit unterstützt uns dabei, unsere inneren Kraftquellen bewusst wahrzunehmen, sie zu aktivieren und in belastenden Situationen ebenso wie im Alltag gezielt einzusetzen.
Was sagt die Forschung?
Ressourcen sind deshalb weit mehr als ein theoretisches Konzept. Sie lassen sich heute auch neurobiologisch beschreiben und ihre Wirkung auf unser Erleben ist zunehmend wissenschaftlich nachvollziehbar. Das ist aus den Arbeiten des Psychotherapieforschers Klaus Grawe bekannt. Seine Forschung konnte zeigen, dass der Erfolg einer professionellen Begleitung wesentlich davon abhängt, wie gut es gelingt, die bereits vorhandenen Ressourcen eines Menschen für den Veränderungsprozess zu aktivieren (Grawe & Grawe-Gerber, 1999). Noch bemerkenswerter ist ein weiteres Ergebnis: In erfolgreichen Therapie- und Coachingprozessen überwiegt insbesondere zu Beginn und zum Ende einer Sitzung die Ressourcenaktivierung gegenüber der Problemaktivierung (Grawe, 2004). Nachhaltige Veränderung entsteht also nicht allein dadurch, Probleme immer wieder zu analysieren. Sie gelingt vor allem dann, wenn Menschen ihre eigenen Stärken, Fähigkeiten und positiven Erfahrungen wieder erleben und nutzen können.
Warum emotionale Ressourcen eine große Rolle spielen
Unter den vielen unterschiedlichen Ressourcen nehmen unsere Emotionen eine besondere Stellung ein. Forschungsergebnisse zeigen, dass der auch unter Belastung weiterhin bestehende Zugang zu unseren positiven emotionalen Ressourcen eine Schlüsselrolle für die Resilienz spielt (Tugade, Fredrickson & Feldman Barrett, 2004). Der Zugang zu unseren emotionalen Ressourcen entscheidet häufig darüber, ob wir auch unter Belastung handlungsfähig bleiben oder uns von einer Situation überwältigen lassen. Gleichzeitig spielen positive Emotionen eine wichtige Rolle für Kreativität, persönliche Entwicklung und die Verwirklichung unserer Lebensziele. Sie fördern unsere Fähigkeit, Neues zu lernen, Beziehungen aufzubauen und unsere Persönlichkeit ein Leben lang weiterzuentwickeln (Stifter, Augustine & Dollar, 2020).
Fazit
Ressourcen sind keine außergewöhnliche Fähigkeit weniger Menschen. Sie gehören zu unserem Menschsein dazu. Jeder Mensch verfügt über innere und äußere Ressourcen. Die moderne Psychotherapie- und Emotionsforschung zeigt deutlich: Nachhaltige Veränderung entsteht nicht allein dadurch, Probleme zu verstehen. Sie entsteht vor allem dann, wenn Menschen den Zugang zu ihren bereits vorhandenen Ressourcen wiederfinden. Vielleicht liegt unsere größte Stärke deshalb nicht darin, ständig nach neuen Lösungen zu suchen, sondern die Kraftquellen wiederzuentdecken, die längst in uns vorhanden sind.
Genau hier setze ich in meinen Trainings an:
In meinen Trainings erleben Sie, wie Emotionen zur Quelle für Selbstwirksamkeit, Gesundheit und nachhaltigen Erfolg werden – und das Lernen Freude machen darf.
Quellen:
- Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie: Hogrefe Verlag.
- Grawe, K., & Grawe-Gerber, M. (1999). Ressourcenaktivierung. Psychotherapeut, 44(2), 63-73. doi:10.1007/s002780050149
- Stifter, C., Augustine, M., & Dollar, J. (2020). The role of positive emotions in child development: A developmental treatment of the broaden and build theory. The Journal of Positive Psychology, 15(1), 89-94. doi:10.1080/17439760.2019.1695877
- Tugade, M. M., Fredrickson, B. L., & Feldman Barrett, L. (2004). Psychological resilience and positive emotional granularity: Examining the benefits of positive emotions on coping and health. Journal of Personality, 72(6), 1161-1190.