Kaum eine Aromapflanze ist so bekannt wie Lavendel. Lila blühende Felder gehören zu den klassischen Bildern des Sommers und sein Duft wird häufig mit Ruhe und Entspannung verbunden. Auch in Aromatherapie und Aromapflege gehört Lavendel fein (Lavandula angustifolia) seit Langem zu den vielseitig eingesetzten ätherischen Ölen. Gleichzeitig ist er wissenschaftlich vergleichsweise gut untersucht.
Doch so vertraut Lavendel erscheint, so unterschiedlich wird sein Duft erlebt. Die einen lieben seine krautig-blumige Note, andere können ihn kaum ausstehen. Diese Erfahrung begegnet mir seit vielen Jahren immer wieder. Und sie macht Lavendel für mich gerade deshalb interessant: Was passiert eigentlich, wenn ein ätherisches Öl für seine entspannenden Eigenschaften bekannt ist, der Mensch seinen Duft aber überhaupt nicht mag?
Lavendel fein – ein vielseitiger Klassiker
Lavendel ist nicht gleich Lavendel. Der Echte Lavendel (Lavandula angustifolia), häufig auch als Lavendel fein bezeichnet, gehört zur Familie der Lippenblütler. Zu seinen bekannten Verwandten zählen Speiklavendel, Schopflavendel und Lavandin. Sie unterscheiden sich in ihrem Duft, ihrer Zusammensetzung und damit auch in ihren Einsatzmöglichkeiten. Für die Aromatherapie und Aromapflege nimmt Lavendel fein eine besondere Stellung ein. Sein ätherisches Öl wird durch Wasserdampfdestillation überwiegend aus den Blütenrispen gewonnen und zeichnet sich durch seinen charakteristischen krautig-blumigen Duft aus.
Zugegeben, Lavendel fein kann tatsächlich einiges. Traditionell wird das ätherische Öl bei sehr unterschiedlichen körperlichen und psychischen Beschwerden eingesetzt. Besonders bekannt ist Lavendel jedoch für seine entspannenden und beruhigenden Eigenschaften sowie seinen Einsatz bei Unruhe, Ängsten und Schlafproblemen. Viele traditionell beschriebene Einsatzgebiete wurden inzwischen auch wissenschaftlich untersucht. Genau hier wird es spannend: Was lässt sich über die Wirkung von Lavendel heute tatsächlich sagen?
Was die Forschung über Lavendel zeigt
Lavendel gehört zu den ätherischen Ölen, deren Einfluss auf Entspannung, Stress und Angst vergleichsweise häufig wissenschaftlich untersucht wurde. Motomura et al. (2001) untersuchten Lavendelduft bei insgesamt 42 Personen unter unterschiedlichen Stressbedingungen. Die Ergebnisse zeigten Hinweise auf eine Verringerung des psychischen Stresserlebens. Sayorwan et al. (2012) untersuchten bei 20 gesunden Personen zusätzlich körperliche und neurophysiologische Reaktionen auf inhaliertes Lavendelöl. Dabei sanken unter anderem Blutdruck, Herzfrequenz und Hauttemperatur. Auch Veränderungen der Gehirnaktivität und der subjektiven Befindlichkeit sprachen für eine entspannende Wirkung.
Auch klinische Untersuchungen liefern interessante Ergebnisse. Najafi et al. (2014) untersuchten in einer randomisierten Studie 68 Patient:innen nach einem Herzinfarkt. 33 Personen erhielten eine Lavendelinhalation, 35 dienten als Kontrollgruppe. Nach der Intervention war das gemessene Angstniveau in der Lavendelgruppe signifikant niedriger. Damit gibt es wissenschaftliche Hinweise, die einige der traditionell beschriebenen psychischen Einsatzgebiete von Lavendel stützen. Allerdings bedeutet das nicht, dass Lavendel bei jedem Menschen automatisch entspannend wirkt.
Wenn Lavendel nicht entspannt
Was wissenschaftlich untersucht wurde, ist für die fachliche Einordnung wichtig. In der praktischen Arbeit mit Düften kommt jedoch eine weitere Ebene hinzu: der Mensch, der den Duft wahrnimmt. Lavendel kann mit Ruhe und angenehmen Erfahrungen verbunden sein. Er kann aber ebenso Erinnerungen oder Assoziationen hervorrufen, die alles andere als entspannend sind. Und manchmal gefällt einem Menschen sein Duft schlicht nicht. Genau deshalb ist die individuelle Duftpräferenz für mich keine Nebensache, sondern ein wichtiger Bestandteil eines verantwortungsvollen Umgangs mit ätherischen Ölen.
Ich selbst verbinde Lavendel seit vielen Jahren mit positiven Erfahrungen. Auf Reisen gehörte er für mich beispielsweise häufig zum Ankommen in einer neuen Unterkunft. Nach einem langen Tag empfand ich seinen vertrauten Duft als angenehm und entspannend. Gleichzeitig habe ich in meiner beruflichen Praxis immer wieder erlebt, dass andere Menschen ganz anders auf Lavendel reagieren. Gerade diese Unterschiede zeigen: Ein ätherisches Öl kann wissenschaftlich interessante Eigenschaften besitzen. Ob sein Duft in einer konkreten Situation als wohltuend erlebt wird, entscheidet sich jedoch immer individuell.
Lavendel am Kaiserstuhl
Lavendelfelder hatte ich lange vor allem mit Südfrankreich verbunden. Bei einer Reise ins Piemont hatte ich die Blütezeit knapp verpasst. Umso neugieriger machte mich der Hinweis eines Freundes, dass Lavendel auch deutlich näher wächst: mitten in den Weinbergen des Kaiserstuhls. Im Sommer 2023 rief ich deshalb spontan bei Beate Klingenmeier an. Kurz darauf machte ich mich auf den Weg nach Vogtsburg-Bischoffingen.
Schon im Hofladen war der charakteristische krautig-blumige Duft überall präsent. Auf den Feldern zeigte sich Lavendel dann noch einmal ganz anders: Helles und dunkles Violett, tiefes Blau und silbrige Nuancen bildeten einen eindrucksvollen Kontrast zum Grün der Weinreben. Zwischen den Blüten summten zahlreiche Insekten, am Rand eines Feldes hatte Beate sogar eine Bienentränke eingerichtet. Was ich sonst als ätherisches Öl kannte, wurde hier zu einer Landschaft aus Farbe, Duft und Leben.
Hinter dem Kaiserstuhl-Lavendel stehen Beate und Wolf Klingenmeier. Ihre Begeisterung für die Pflanze wurde durch Reisen nach Frankreich und die intensive Beschäftigung mit ihren Ansprüchen an Boden und Klima weiter vertieft. Nach einer Forschungsreise holten sie das Pflanzmaterial selbst aus einer französischen Bio-Baumschule. 2021 begann der Anbau von Echtem Lavendel und Lavandin auf ausgewählten Flächen zwischen den Weinbergen. So entstand ein regionales Projekt, das die Aromapflanze auf besondere Weise mit der Kulturlandschaft des Kaiserstuhls verbindet.
Lavendel mit allen Sinnen erleben
Zurück im Hofladen zeigte sich mir noch eine andere Seite des Lavendels. Beate Klingenmeier hatte begonnen, mit den frisch getrockneten Blüten zu experimentieren und daraus unter anderem einen eigenen Lavendelsirup entwickelt. Besonders spannend fand ich die Verkostung eines Getränks aus Rivaner und Lavendelsirup. Plötzlich begegnete mir die vertraute Pflanze nicht über ein ätherisches Öl, sondern über Nase und Gaumen zugleich.
Gerade dieses Geschmackserlebnis ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Neben der typischen krautig-blumigen Lavendelnote nahm ich überraschend frische und süßliche Nuancen wahr, die mich an Zitrus und Bergamotte erinnerten. Dazu kamen grasige, leicht pfeffrige und minzige Eindrücke sowie eine warme balsamische Note. Wie komplex Lavendel riechen und schmecken kann, lässt sich auf diese Weise unmittelbarer erfahren als über jede Beschreibung seiner einzelnen Inhaltsstoffe.
Vom Lavendelfeld zum Pflanzenwissen
Auf den Feldern wurde für mich noch etwas anderes greifbar: Hinter einem ätherischen Öl steht zunächst eine lebende Pflanze. Echter Lavendel bildet mit der Zeit einen verholzten Halbstrauch und benötigt einen regelmäßigen Rückschnitt. Bei Beate und Wolf Klingenmeier beginnt die Ernte des Echten Lavendels bereits im Juni. Ein Teil wird dabei von Hand mit der Sichel geschnitten. Zeitpunkt, Witterung und sorgfältige Verarbeitung spielen eine wichtige Rolle für das Pflanzenmaterial und seine spätere Verwendung.
Gleichzeitig wachsen am Kaiserstuhl Echter Lavendel und Lavandin nebeneinander. Gerade vor Ort werden ihre Unterschiede unmittelbar sichtbar. Lavandin wächst kräftiger und liefert aufgrund seiner größeren Pflanzen und Blütenrispen mehr Pflanzenmaterial. Auch sein Duft unterscheidet sich vom feineren Lavendel und wirkt durch seine Zusammensetzung herber und kampferartiger. Was im Seminar zunächst botanisches Fachwissen ist, bekommt zwischen den Pflanzen plötzlich ein konkretes Bild.
Entscheidend ist der Mensch
Die Reise an den Kaiserstuhl hat meinen Blick auf Lavendel noch einmal erweitert. Forschung kann uns zeigen, welche Wirkungen untersucht wurden. Die Begegnung mit der Pflanze vermittelt zusätzlich ein Verständnis für Herkunft, Anbau und Verarbeitung. Für die praktische Arbeit mit Düften bleibt jedoch eine Frage entscheidend: Wie erlebt der einzelne Mensch diesen Duft?
Gerade Lavendel macht das besonders deutlich. Wissenschaftliche Erkenntnisse und langjährige Erfahrungen können eine wichtige Orientierung geben. Für die praktische Anwendung müssen sie jedoch immer mit der individuellen Duftwahrnehmung und der jeweiligen Situation verbunden werden. Genau darin liegt für mich ein verantwortungsvoller Umgang mit Düften.
Fazit – Lavendel bleibt vielseitig
Lavendel begleitet mich schon seit vielen Jahren. Ich kenne ihn aus der Aromapraxis, aus Fachliteratur und Studien, aus meinen Seminaren und von zahlreichen Reisen. Trotzdem hat mir die Begegnung mit den Pflanzen am Kaiserstuhl noch einmal eine andere Perspektive eröffnet. Zwischen Weinreben, Lavendelfeldern und den Gesprächen mit Beate und Wolf Klingenmeier wurde aus einem vertrauten ätherischen Öl wieder das, was am Anfang jeder Aromakunde steht: eine Pflanze mit eigener Geschichte, besonderen Eigenschaften und einem überraschend vielfältigen Duft.
Gerade darin liegt für mich die Faszination des Lavendels. Seine entspannenden Eigenschaften sind wissenschaftlich untersucht und sein Einsatz in Aromatherapie und Aromapflege hat eine lange Tradition. Dennoch bleibt die persönliche Wahrnehmung entscheidend. Manche Menschen lieben seinen Duft, andere lehnen ihn ab. Beides darf sein. Professionelle Aromakunde bedeutet für mich deshalb, wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungswissen zu kennen, ohne dabei den Menschen aus dem Blick zu verlieren.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Duft-Reise: Auch eine Pflanze, die wir vermeintlich längst kennen, kann uns immer wieder etwas Neues zeigen. Manchmal genügt es, das Fläschchen aus der Hand zu legen und dorthin zu gehen, wo sie wächst.
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Quellen
- Motomura, N., Sakurai, A., & Yotsuya, Y. (2001). Reduction of mental stress with lavender odorant. Perceptual and Motor Skills, 93(3), 713–718. https://doi.org/10.2466/pms.2001.93.3.713
- Najafi, Z., Taghadosi, M., Sharifi, K., Farrokhian, A., & Tagharrobi, Z. (2014). The effects of inhalation aromatherapy on anxiety in patients with myocardial infarction: A randomized clinical trial. Iranian Red Crescent Medical Journal, 16(8), e15485. https://doi.org/10.5812/ircmj.15485
- Sayorwan, W., Siripornpanich, V., Piriyapunyaporn, T., Hongratanaworakit, T., Kotchabhakdi, N., & Ruangrungsi, N. (2012). The effects of lavender oil inhalation on emotional states, autonomic nervous system, and brain electrical activity. Journal of the Medical Association of Thailand, 95(4), 598–606.