„Warum macht ihr eigentlich Aromapflege in der Klinik?“ Diese Frage gab ein Kollege vor einiger Zeit an mich weiter. Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass es eine wirklich essentielle Frage ist, die ich nun beantworten möchte. Nicht nur für Mitarbeitende, sondern auch für Patient:innen, Führungskräfte und alle, die sich fragen, welchen Platz Düfte überhaupt im klinischen Alltag haben können.

Denn Aromapflege ist weit mehr als ein angenehmer Duft. Sie ist eine fachlich fundierte, komplementäre Methode, die Pflegefachkräften in der Psychiatrie und Psychosomatik eine wertvolle Erweiterung ihrer Kompetenzen ermöglicht. Vor allem aber bietet sie Patient:innen eine sehr niederschwellige und schnell wirksame Möglichkeit, das eigene Wohlbefinden positiv zu beeinflussen und den Genesungsprozess positiv unterstützend zu begleiten.

 

Was ist Aromapflege überhaupt?

 

Dafür sollten wir einen Blick über die Landesgrenzen werden: Denn interessanterweise ist in Frankreich Aromatherapie Teil einer ärztlichen Fachweiterbildung. Im deutschsprachigen Raum hingegen liegt die Aromapflege überwiegend in den Händen von uns Pflegefachkräften. Das zeigt bereits, dass es sich keineswegs um eine alternative Wellnessmethode handelt, sondern um eine ernstzunehmende Form der unterstützenden Therapiearbeit. Wie jede wirksame Methode kann auch Aromapflege Nebenwirkungen haben. Genau deshalb braucht sie Fachwissen, Verantwortungsbewusstsein und einen professionellen Umgang.

Mein fundiertes Wissen über Aromapflege gebe ich seit 2012 u.a. an Pflegefachpersonal in meinen Trainings weiter. In zwei Tagen vermittle ich die essentiellen Grundlagen und die benötigte Handlungskompetenzen werden in vielen praktischen Einheiten eingeübt. Gleichzeitig ist es aus meiner Sicht sehr wichtig, dass Kliniken mit implementierten Aromapflegekonzepten ebenfalls ausgebildete Aromaexpert:innen mit über 100 Stunden Ausbildung als Ansprechpartner:innen vorhalten können. Nur somit können sie einen hohen Qualitäts- und Sicherheitsstandard gewährleisten.

 

Aromapflege und Homöopathie: Ein wichtiger Unterschied

 

Oft wird Aromapflege mit Homöopathie gleichgesetzt. Aus meiner Sicht ist das jedoch ein großes Missverständnis. Denn bei ätherischen Ölen kennen wir die pharmakologischen Eigenschaften der enthaltenen Pflanzenstoffe. Ätherische Öle bestehen aus komplexen chemischen Verbindungen, welche der organischen Chemie zugeordnet sind, die auf Körper und Psyche wirken.

Mit Düften zu arbeiten ist etwas sehr Sinnliches. Das Besondere am Riechsinn ist die direkte Verbindung mit dem limbischen System, also mit jenem Bereich unseres Gehirns, der maßgeblich an emotionalem Erleben beteiligt ist. Dadurch können Düfte oft unmittelbar Erinnerungen, Gefühle und innere Zustände ansprechen. Gerade in der Psychiatrie und Psychosomatik gewinnt dies eine besondere Bedeutung.

 

Aromapflege in der Psychiatrie und Psychosomatik

 

Während Aromapflege in somatischen Kliniken häufig körperbezogene Beschwerden begleitet – etwa durch Atemstimulierende Einreibungen oder bei Übelkeit, Schmerzen und Schlafproblemen – steht in psychiatrischen Einrichtungen oft etwas anderes im Vordergrund:

  • emotionale Stabilisierung
  • Stressregulation
  • Förderung von Ressourcen
  • Unterstützung von Selbstfürsorge
  • Unterstützung von Selbstregulation
  • Förderung des Wohlbefindens

 

Nachhaltigkeit statt reines Wohlfühlangebot

Für die Aromapflege in der Psychiatrie braucht es eine andere Haltung und Arbeitsweise. Es geht darum, Menschen in ihrer Selbstregulation zu unterstützen und ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, die auch außerhalb der Klinik nutzbar bleiben. Denn Aromapflege kann schnell einen reinen Wohlfühlcharakter bekommen, wenn sie nur konsumiert wird. Wirklich wertvoll wird sie jedoch dann, wenn Patient:innen verstehen, wie sie Düfte selbstständig und verantwortungsvoll für sich nutzen können, auch nach der Entlassung.

Ein Erlebnis aus unserer suchttherapeutischen Tagesklinik hat mir das besonders deutlich gezeigt. Dort fand mittwochs regelmäßig eine themenzentrierte Gruppe statt. Wir beschäftigten uns unter anderem mit klassischen Düften wie Orange, Lavendel, Pfefferminze oder Zitrone und damit, wie Düfte bei Stress, innerer Unruhe oder sogar Suchtdruck unterstützend eingesetzt werden können. Ein Patient konnte besonders viel mit dem Duft der Orange anfangen. Er beschrieb ihn als stabilisierend, aufhellend und beruhigend zugleich.

Etwa ein Jahr später kam dieser Patient erneut in die Klinik, um einen Arztbrief abzuholen. Als er mich sah, lächelte er sofort und sagte: „Herr Hogen, ich nutze übrigens immer noch meine Orange.“

Das ist für mich nachhaltige Aromapflege: Wenn Menschen über den Klinikaufenthalt hinaus verstanden haben, dass sie selbst aktiv etwas für ihr Wohlbefinden, ihre Selbstregulation und ihre Stabilisierung tun können.

 

Fazit: Aromapflege als Brücke zur Selbstwirksamkeit

 

Aromapflege ersetzt keine Psychotherapie, keine Medikamente und keine professionelle Behandlung. Doch sie ist in der Klinik eine klare Bereicherung.

Einmal für Pflegefachkräfte selbst, die mit der Aromapflege eine sinnliche und zugleich fachlich fundierte Methode zur Verfügung haben. Vor allem aber auch für Patient:innen, die durch Düfte einen sehr niederschwelligen und oft schnellen Zugang zur Emotionsregulation und Ressourcenförderung finden können.

Genau darin liegt für mich die Stärke der Aromapflege: Menschen nicht nur während des Klinikaufenthalts zu begleiten, sondern ihnen auch Möglichkeiten mitzugeben, sich über Düfte selbst zu regulieren und dadurch langfristig Wohlbefinden und Resilienz zu stärken.