Es gibt Orte, an denen ich unmittelbar spüre, wie wertvoll Natur als Ressource sein kann. Für mich gehört das Meer ganz klar dazu. Besonders die portugiesische Atlantikküste ist für mich zu einem solchen Wohlfühlort geworden. Dort lassen mich die Weite, das Rauschen der Wellen, der Wind und die salzige Luft zur Ruhe kommen und zugleich neue Energie tanken.
Viele Menschen kennen das Gefühl, dass ihnen Natur einfach guttut. Sie gehen deshalb in den Wald, ans Wasser oder in einen Park, um zur Ruhe zu kommen, Stress abzubauen und neue Kraft zu schöpfen. Doch warum ist das eigentlich so? Warum fühlen wir uns nach einem Spaziergang im Wald oft ausgeglichener? Und warum kann schon der Blick ins Grüne oder auf das Wasser wohltuend sein?
Was wir häufig intuitiv wahrnehmen, beschäftigt inzwischen auch die Wissenschaft intensiv. Dabei werden Grünräume wie Wälder, Parks und Gärten ebenso untersucht wie Blauräume wie Meere, Seen und Flüsse. Es zeigt sich immer deutlicher: Naturerleben steht mit unserem psychischen Wohlbefinden ebenso in Verbindung wie mit körperlichen Prozessen. Dazu gehören Stress, Stimmung, Aufmerksamkeit, Herz-Kreislauf-System und autonome Regulation.
Natur kann damit zu einer wertvollen Ressource werden, um zur Ruhe zu kommen, die Aufmerksamkeit neu auszurichten und Abstand vom Alltag zu gewinnen. Doch was genau passiert dabei in Körper und Psyche? Und macht es einen Unterschied, ob wir durch einen Wald gehen oder am Meer sitzen?
Natur tut uns gut – und zwar auf mehreren Ebenen
Dass Natur Körper und Psyche stärken kann, ist inzwischen weit mehr als eine schöne Vorstellung. So bündelte eine große Übersichtsarbeit von Saeedy Robat et al. (2026) 116 systematische Reviews mit insgesamt mehreren Tausend Primärstudien. Dabei zeigten naturbasierte Interventionen positive Effekte insbesondere auf Stress, Angst und depressive Symptome. Auch Heinen-Stach et al. (2026) kommen in einer aktuellen systematischen Übersichtsarbeit zu dem Ergebnis, dass Naturaufenthalte, Gartenaktivitäten und Bewegung im Grünen die psychische Gesundheit unterstützen können. Allerdings weisen die Forschenden zugleich darauf hin, dass sich Art und Qualität der bisherigen Studien teilweise deutlich unterscheiden.
Die Wirkung beschränkt sich jedoch nicht auf unser subjektives Wohlbefinden. So untersuchten Nguyen et al. (2023) in einer systematischen Übersichtsarbeit sogenannte Nature Prescriptions, also gezielt verordnete oder organisierte Naturaktivitäten. Dabei fanden sich neben Verbesserungen bei Angst und depressiven Symptomen auch Veränderungen körperlicher Parameter: Der systolische und diastolische Blutdruck sank gegenüber Kontrollgruppen, während sich gleichzeitig die tägliche Schrittzahl erhöhte. Natur kann damit mehrere gesundheitsrelevante Ebenen miteinander verbinden: psychische Erholung, körperliche Aktivität und Herz-Kreislauf-Gesundheit.
Was hinter diesen Effekten steckt, lässt sich allerdings nicht auf einen einzelnen Mechanismus reduzieren. Vielmehr können Bewegung, psychische Erholung, veränderte Umweltreize und körperliche Regulationsprozesse zusammenspielen. Besonders intensiv untersucht wird dieses Zusammenspiel bei einem Naturraum, den viele Menschen mit Ruhe und Erholung verbinden: dem Wald.
Grünräume und Waldbaden
Ob Stadtpark, Botanischer Garten oder Wald: Grünräume können weit mehr sein als Orte für einen Spaziergang. So werteten Bryer et al. (2025) 36 systematische Reviews zur gesundheitlichen Bedeutung von Grünräumen aus und fanden Zusammenhänge mit zahlreichen körperlichen und psychischen Gesundheitsparametern. Dabei scheint jedoch nicht allein entscheidend zu sein, wie viel Grün uns umgibt. Vielmehr zeigt eine aktuelle Umbrella Review von Yang et al. (2026), dass auch die Qualität von Grünräumen eine Rolle spielen kann, etwa Vegetation, Größe, Vernetzung und Baumbestand.
Besonders gut untersucht ist inzwischen der Wald. Bekannt geworden ist dabei das japanische Shinrin-yoku, bei uns meist als Waldbaden bezeichnet. Hier steht weniger die sportliche Aktivität als das bewusste Erleben des Waldes mit unterschiedlichen Sinnen im Mittelpunkt. Siah et al. (2023) werteten dazu 36 Studien mit insgesamt 3.554 Teilnehmenden aus und zeigten positive Effekte auf verschiedene psychologische Parameter. Darüber hinaus untersuchten Qiu et al. (2023) körperliche Stressmarker. Nach Waldaufenthalten zeigten sich im Vergleich zu urbanen Umgebungen niedrigere Werte beim systolischen und diastolischen Blutdruck sowie beim Speichelcortisol. Allerdings waren die Unterschiede zwischen den einzelnen Studien teilweise erheblich.
Auch neuere Forschung stützt die Verbindung zwischen Waldbaden, Stress und körperlicher Regulation. So fanden Andrade et al. (2026) nach kurzfristigem Shinrin-yoku unter anderem eine niedrigere Herzfrequenz sowie Verbesserungen bei Anspannung, Angst und depressiver Stimmung. Zudem bestätigt eine aktuelle Meta-Analyse von Qin et al. (2026) positive Effekte von Waldtherapie auf psychischen Stress, Angst und depressive Symptome. Damit scheint der Wald sowohl unser subjektives Erleben als auch körperliche Regulationsprozesse ansprechen zu können.
Blauräume – warum uns Wasser so guttut
Wald ist jedoch nur eine Form von Natur. Auch Blauräume, also Meere, Seen, Flüsse und andere Gewässer, werden zunehmend auf ihre Bedeutung für Gesundheit und Wohlbefinden untersucht. So fassten Han und Zhang (2026) sechs Meta-Analysen zusammen. Dabei fanden sie insgesamt Hinweise auf positive Zusammenhänge zwischen dem Kontakt mit Blauräumen und verschiedenen gesundheitlichen Parametern. Damit richtet sich der wissenschaftliche Blick zunehmend auch auf die Bedeutung von Wasser und Gewässerlandschaften.
Besonders intensiv werden dabei Küsten und das Meer untersucht. So werteten Beute et al. (2026) 139 Studien zu unterschiedlichen Blauräumen aus, davon allein 94 zu Küstenräumen. Insgesamt zeigten sich überwiegend positive Zusammenhänge mit der psychischen Gesundheit. Allerdings gibt es keine eindeutige Rangfolge. Deshalb lässt sich bislang wissenschaftlich nicht sicher beantworten, ob das Meer tatsächlich stärker auf uns wirkt als ein See oder Fluss. Auch Süßwasser ist von Interesse. Wang et al. (2024) fanden dabei in 34 Studien ebenfalls Hinweise auf gesundheitlich relevante Zusammenhänge bei Seen, Flüssen und anderen Süßwasserlandschaften.
Warum Wasser eine solche Wirkung entfalten kann, ist jedoch noch nicht abschließend geklärt. Einen möglichen Erklärungsansatz liefert die Attention Restoration Theory. Demnach können natürliche Umgebungen unsere Aufmerksamkeit auf eine Weise binden, die weniger anstrengend ist als die dauernde Konzentration auf Aufgaben und Anforderungen. So können bewegtes Wasser, Lichtreflexe, Wellen und wiederkehrende Geräusche eine Form der „sanften Faszination“ erzeugen. Maloney et al. (2026) nennen deshalb neben der Stressreduktion gerade die Regeneration unserer Aufmerksamkeit als einen der vergleichsweise konsistenten Erklärungsansätze für die Wirkung von Naturkontakt.
Gerade am Meer kommen zudem viele Sinneseindrücke gleichzeitig zusammen: der weite Horizont, die Bewegung des Wassers, der Wind und die wiederkehrenden Geräusche. Dennoch hängt unser Erleben solcher Naturräume offenbar nicht allein von ihren objektiven Eigenschaften ab. Vielmehr scheint auch entscheidend zu sein, welche persönliche Bedeutung wir mit ihnen verbinden. Damit rückt eine weitere Frage in den Mittelpunkt: Welche Beziehung haben wir eigentlich zur Natur?
Naturverbundenheit und Wohlfühlorte zählen
Natur scheint nicht auf jeden Menschen und an jedem Ort gleichermaßen zu wirken. Eine wichtige Rolle spielt dabei die sogenannte Nature Connectedness, also das Gefühl, sich mit der Natur verbunden zu fühlen. Gál und Dömötör (2023) fanden in ihrer systematischen Übersichtsarbeit Hinweise darauf, dass diese Naturverbundenheit Zusammenhänge zwischen Naturkontakt und psychischer Gesundheit, kognitiven Prozessen sowie körperlichen Parametern wie Blutdruck und Cortisol mit beeinflussen kann.
Dabei geht es offenbar um mehr als die bloße Anwesenheit von Bäumen oder Wasser. Eine aktuelle Metasynthese von van Bekkum et al. (2026) zeigt, wie bedeutsam das persönliche und multisensorische Erleben von Natur sein kann. Was wir sehen, hören, riechen und körperlich wahrnehmen, verbindet sich mit individuellen Erfahrungen und der Bedeutung, die ein bestimmter Ort für uns besitzt. Natur lässt sich deshalb nicht allein in Quadratmetern Grünfläche oder Minuten Aufenthalt erfassen.
Vielleicht erklärt das auch, warum wir ganz unterschiedliche persönliche Wohlfühlorte haben. Für den einen ist es der Wald, für die andere ein Garten, die Berge oder ein See. Eine Ressource entsteht auch dadurch, dass wir wahrnehmen, welche Umgebung uns persönlich guttut, und diesem Erleben bewusst Raum geben.
Fazit – Natur als Ressource bewusst nutzen
Die Forschung zeigt, wie vielfältig Grünräume, Wälder und Gewässer mit unserer körperlichen und psychischen Gesundheit verbunden sind. Für mich bestätigt sie damit etwas, das ich selbst immer wieder erlebe: Natur kann eine wertvolle Ressource sein. Bei mir ist es besonders das Meer, bei anderen vielleicht der Wald, ein Park oder ein See. Entscheidend ist, wahrzunehmen, welche Umgebung uns guttut, und ihr im Alltag bewusst Raum zu geben.
Je mehr wir darüber erfahren, welche Bedeutung natürliche Lebensräume für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit haben, desto deutlicher wird auch ihr Wert. Natur als Ressource wahrzunehmen bedeutet für mich deshalb auch, verantwortungsvoll mit ihr umzugehen. Denn was uns stärkt, verdient zugleich unseren Schutz.
Natur kann eine wertvolle Ressource für Regeneration, Selbstwahrnehmung und Resilienz sein.
In meinen Trainings und Coachings geht es darum, solche persönlichen Ressourcen bewusst wahrzunehmen und gezielt für den Alltag nutzbar zu machen.
Quellen
- Andersen, L., Corazon, S. S., & Stigsdotter, U. K. (2021). Nature exposure and its effects on immune system functioning: A systematic review. International Journal of Environmental Research and Public Health, 18(4), 1416. https://doi.org/10.3390/ijerph18041416
- Andrade, A. M., Durães, S. F., Franco Netto, L. C. R., Fenner, A. L. D., Carvalho, M. A. B., & Franco Netto, G. (2026). Short-term cardiovascular and mental health responses to Shinrin-Yoku (forest bathing): A systematic review and meta-analysis. Frontiers in Psychology, 17, 1707829. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2026.1707829
- Beute, F., Marselle, M. R., Olszewska-Guizzo, A., Andreucci, M. B., Lammel, A., Davies, Z. G., Glanville, J., Keune, H., O’Brien, L., Remmen, R., Russo, A., & de Vries, S. (2026). Mental health benefits of specific blue space types and characteristics: A systematic evidence map. Environmental Research, 297, 124054. https://doi.org/10.1016/j.envres.2026.124054
- Bryer, B., Odebeatu, C. C., Lee, W. R., Vitangcol, K., Gallegos-Rejas, V., Osborne, N. J., Williams, G., & Darssan, D. (2025). Greenspace exposure and associated health outcomes: A systematic review of reviews. F1000Research, 13, 491. https://doi.org/10.12688/f1000research.148878.2
- Gál, V., & Dömötör, Z. (2023). The role of connection with nature in empirical studies with physiological measurements: A systematic literature review. Biologia Futura, 74(3), 281–294. https://doi.org/10.1007/s42977-023-00185-0
- Han, K.-T., & Zhang, X.-L. (2026). Blue space and health/well-being: An overview of six meta-analyses and their evidence certainty (PRIOR item 1). Water Research, 288, 124530. https://doi.org/10.1016/j.watres.2025.124530
- Heinen-Stach, D., Herbold, E., Hendricks, C. L., Zuch, N., Rapp, M. A., Birtel, M. D., & Tschorn, M. (2026). The effectiveness of nature-based interventions on mental health: A systematic review. Applied Psychology: Health and Well-Being, 18(4), e70164. https://doi.org/10.1111/aphw.70164
- Maloney, S., Henning, T., Zhu, H., Martin, B., Hinze, V., Montero-Marin, J., van der Velden, A. M., Moore, J., Wilhelm, K., Lomax, T., Reinecke, M. G., Awad, E., Boyle, J., Fleming, W., Taylor, L., Broome, M., Thorogood, C., Scerif, G., Malhi, Y., Singh, I., & Kuyken, W. (2026). Mechanisms underpinning flourishing at the interface of humans and other natural entities: An umbrella review. The Lancet Planetary Health, 101450. https://doi.org/10.1016/j.lanplh.2026.101450
- Nguyen, P.-Y., Astell-Burt, T., Rahimi-Ardabili, H., & Feng, X. (2023). Effect of nature prescriptions on cardiometabolic and mental health, and physical activity: A systematic review. The Lancet Planetary Health, 7(4), e313–e328. https://doi.org/10.1016/S2542-5196(23)00025-6
- Qin, G., Yang, J., Liu, F., Zhang, Z., & Pan, C. (2026). Forest therapy for psychological stress and emotional disorders: A systematic review and meta-analysis. BMC Public Health, 26, 1736. https://doi.org/10.1186/s12889-026-27255-x
- Qiu, Q., Yang, L., He, M., Gao, W., Mar, H., Li, J., & Wang, G. (2023). The effects of forest therapy on the blood pressure and salivary cortisol levels of urban residents: A meta-analysis. International Journal of Environmental Research and Public Health, 20(1), 458. https://doi.org/10.3390/ijerph20010458
- Saeedy Robat, E., Bayazi, M. H., Nayyeri, M., Yasaghi, A. A., & Taimory, S. (2026). A systematic overview and second-order meta-analysis of nature-based interventions for stress, anxiety and depression. Nature Human Behaviour, 10, 1495–1509. https://doi.org/10.1038/s41562-026-02433-4
- Siah, C. J. R., Goh, Y. S., Lee, J., Poon, S. N., Ow Yong, J. Q. Y., & Tam, W. S. W. (2023). The effects of forest bathing on psychological well-being: A systematic review and meta-analysis. International Journal of Mental Health Nursing, 32(4), 1038–1054. https://doi.org/10.1111/inm.13131
- van Bekkum, J. E., McDougall, C. W., Wendelboe-Nelson, C., Mason, S. S., Williams, A. J., Jepson, R., & Malden, S. (2026). Understanding the nature-wellbeing relationship in adults: A qualitative metasynthesis review. Wellbeing, Space and Society, 10, 100359. https://doi.org/10.1016/j.wss.2026.100359
- Wang, K., Zhang, X., & Zhou, Q. (2024). The influence of freshwater blue spaces on human health and well-being: A systematic review based on assessment method. Environmental Research, 263, 120242. https://doi.org/10.1016/j.envres.2024.120242
- Yang, J., Akafekwa, T., Williams, G., Elliott, J., Verma, A., & Greenhalgh, C. (2026). Quality of urban green and blue spaces with a specific focus on public health outcomes: An umbrella review. Environmental Research, 306(1), 125141. https://doi.org/10.1016/j.envres.2026.125141